Die Weihnachtsrechnung von cci Branchenticker:

Mechanische Schullüftung kostet nur 50 € pro Schüler pro Jahr

Diese Schule ist geschlossen wegen Corona
(Abb. © bluedesign/stock.adobe.com)

Angaben des Statistischen Bundesamts zufolge gab es im Jahr 2019 in Deutschland 10,9 Millionen Schüler und Schülerinnen in 32.300 Schulen. Wenn man annimmt, dass jede Schulklasse für 25 Personen ausgelegt ist, folgen daraus rund 430.000 Klassenzimmer. Dazu meldet der Fachverband Gebäude-Klima (FGK), dass bundesweit weniger als 10 % aller Klassenzimmer mit einer mechanischen Lüftung ausgestattet sind, also rund 43.000. Somit verbleiben – um mit „glatten Zahlen“ weiterzurechnen – rund 390.000 Klassenzimmer ohne mechanische Lüftung. Das ist das Potenzial zur Ausstattung von Klassenzimmern mit Lüftungslösungen und zur Nachrüstung, und damit rechnen wir nun weiter.

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Im nächsten Schritt nehmen wir an, dass diese 390.000 Klassenzimmer gemäß den Vorgaben und Empfehlungen der VDI-Richtlinie 6040 „Raumlufttechnik für Schulen“ projektiert werden. Die Richtlinie besagt, dass bei normalem Unterrichtsbetrieb für eine CO2-Konzentration unter 1.000 ppm in der Raumluft ein Außenluftvolumenstrom von 30 m³/h pro Person anzusetzen ist. Dadurch ergibt sich ein etwa 5-facher Luftwechsel im Klassenraum. Eine dauerhafte CO2-Konzentration unter dem auch in der Arbeitsstättenrichtlinie ASR 3.6 „Lüftung“ empfohlenen Wert von 1.000 ppm signalisiert eine ausreichende Durchspülung des Raums mit Außenluft und eine hygienisch unbedenkliche Luftqualität. Aus diesen Vorgaben folgt zur Auslegung der Klassenzimmerlüftung eine Luftleistung des Geräts von (25 Schüler + 1 Lehrer) x 30 m³/h pro Person = 780 m³/h.

Nun zu den Kosten. Ein Schullüftungsgerät mit einer Luftleistung von rund 800 m³/h, ausgestattet mit leistungsregelbaren Ventilatoren, einer guten Wärmerückgewinnung (über 85 %) und guten Luftfiltern, kostet etwa 10.000 €. Hinzu kommen Aufwendungen für die Planung (inkl. Prüfung der Statik), die Installation, für weitere Bauteile und Komponenten, sodass sich daraus eine Summe von rund 15.000 € ergibt. Wenn der Kunde noch Sonderwünsche hat (ergänzende Nacherwärmung der Außenluft, CO2-Regelung des Zuluftvolumenstroms, besonderes Gerätedesign etc.), können die Gesamtkosten schnell auf über 20.000 € pro Gerät ansteigen. Für unsere Betrachtungen bleiben wir aber bei 15.000 € pro Gerät. Somit ergibt sich folgende Schlussrechnung: 390.000 Geräte x 15.000 € pro Gerät = 5,85 Mrd. €, also gerundet 6 Mrd. €.
Zum Vergleich: Der durch die Corona-Pandemie notwendige zusätzliche Bundeshaushalt im Jahr 2021 beträgt etwa 180 Mrd. €, die als Schulden aufgenommen werden müssen. Die 6 Mrd. € für die Schullüftung würden somit rein rechnerisch einem Anteil an diesem Zusatzhaushalt von etwa 3,3 % entsprechen. Ich möchte an dieser Stelle nicht erwähnen und keine Vergleiche ziehen, für welche (auch einzelnen) Corona-Maßnahmen 2020 schon höhere Summen aufgewendet wurden. Aber wenn die Schulen durch mechanische Lüftung bezüglich Corona und zur Senkung eines Infektionsrisikos sicherer werden und weniger geschlossen werden müssen, hat dieser Punkt erhebliche Auswirkungen auf die gesamte Bevölkerung, besonders auf berufstätige Eltern. Diesen Aspekt kann ich aber wirtschaftlich nicht abschätzen.

Ist eine wie zuvor beschriebene „Milchmädchenrechnung“ realistisch? Ich denke, bis hierhin – was die „nackten Zahlen“ betrifft – mit gewissen Unsicherheiten und Toleranzen schon. Aber nun muss leider ein weiterer wichtiger Aspekt berücksichtigt werden: Weder die LüKK-Unternehmen, die die Geräte und die benötigten Komponenten herstellen müssten, noch die ausführenden, installierenden Fachfirmen hätten für eine solche immense Herausforderung von 390.000 Geräten die Kapazitäten. Ich setzte einmal an, dass ein solches Projekt – wenn das Geld dafür tatsächlich bereitstehen würde – mindestens drei Jahre dauern würde. Daraus folgen linearisiert Investitionen für 2021, 2022 und 2023 von je rund 2 Mrd. €.

Zu diesen Annahmen und Berechnungen könnte man nun kontern, dass eine Ausstattung der Klassenräumen mit Sekundärluft-Reinigungsgeräten und möglicherweise auch mit zentralen RLT-Anlagen zur Versorgung mehrerer Klassenräume (deutlich) günstiger sein dürfte. Das mag zumindest bei vielen Luftreinigern durchaus zutreffen, doch dabei muss man einen weiteren wichtigen Punkt berücksichtigen: Auch nach Aussagen von vielen Experten und vom Umweltbundesamt können und sollen Luftreiniger lediglich eine kurzfristige, die Fensterlüftung ergänzende Maßnahme darstellen, um in den Zeiten der Pandemie mögliche Aerosole aus der Raumluft abzuscheiden und das Infektionsrisiko zu verringern. Und wenn die Corona-Zeiten irgendwann einmal vorbei sind (worauf wir alle ja inständig hoffen und warten), ist der Gebrauch dieser Geräte obsolet und sie können eingemottet werden. Im Vergleich dazu sind zentrale oder dezentrale Lösungen, die die Räume kontinuierlich mit Außenluft versorgen, stetig belastete Raumluft abführen und empfohlene CO2-Pegel in der Raumluft sicherstellen, erheblich nachhaltiger und leisten ihre Dienste auch nicht in Nicht-Corona-Zeiten.

Ein weiterer Aspekt betrifft die Betriebskosten. Ja, der Betrieb der Geräte kostet Geld. Und zwar für die elektrische Leistung zum Antrieb der Ventilatoren, für regelmäßige Filterwechsel und zur Wartung. Allerdings muss dabei auch berücksichtigt werden, dass durch die Wärmerückgewinnung im Gerät die Kosten zur Beheizung der ansonsten per Fensterlüftung be- und entlüfteten und dadurch auskühlenden und austrocknenden Räume deutlich sinken. Bei 0 °C Außentemperatur und einer Raumtemperatur von 20 °C ergibt sich bei einer Effizienz der Wärmerückgewinnung im Gerät von 85 % eine Zulufttemperatur von rund 17 °C. Somit muss bei den „Netto“-Betriebskosten eines Geräts der thermische Gewinn durch die Wärmerückgewinnung stets gegengerechnet werden.

Zum Abschluss ein letzter Aspekt. Die theoretischen Investitionskosten zur Ausstattung aller Klassenräume wurden mit 6 Mrd. € geschätzt. Das entspricht einem Betrag von 550 € für jeden der 10,9 Mio. Schülerinnen und Schüler. Berücksichtigt man nun, dass ein Schüler durchschnittlich etwa 11 Jahre zur Schule geht, ergibt sich für eine mechanische Be- und Entlüftung eine Investition von rund 50 € pro Schuljahr pro Person. Dieser Betrag ist meiner Meinung nicht zu hoch, um auch außerhalb der Corona-Zeiten in den Schulen dauerhaft vernünftige, hygienisch gute Raumluftbedingungen sicherzustellen. Und an dieser Stelle mangelte es auch schon jahrelang vor der Pandemie.

Was meinen Sie zu diesen Berechnungen? Ihre Meinung interessiert uns sehr, bitte als Kommentar zum Beitrag schreiben oder per Mail an redaktion@cci-dialog.de schicken.

Auch in den schwierigen Zeiten ein geruhsames Weihnachtsfest, ein gutes neues Jahr 2021 und gute Gesundheit wünscht Ihnen

Dr. Manfred Stahl, Herausgeber cci Zeitung

cci122390

3 Kommentare zu “Die Weihnachtsrechnung von cci Branchenticker:

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Stahl,

    da fehlen einem, angesichts Ihrer zwar recht einfachen, aber auch praktisch realistischen und nachvollziehbaren Berechnungen nur einfach die Worte. Bezüglich der Gesamtkosten je Klasse/ Schüler kann ich den Wert von 15 Tsd. €/ 50,00 € uneingeschränkt bestätigen.

    Zum Vergleich: Mit 8,7 Milliarden € hatte die Bundesrepublik die LUFTHANSA AG (124.000 Mitarbeiter) und mit 3,6 Milliarden € den TUI-Konzern (70.000 Mitarbeiter) vorerst gerettet. Mit ungewissem Ausgang. Schulschließungen wegen fehlender Lüftungsmöglichkeiten und höherer Infektionsrisiken betreffen aber im Verhältnis dazu deutschlandweit etwa 25 Millionen Menschen und zehntausende Unternehmen -durch das Fehlen von Mitarbeitern mit Kindern in der Familie. Und auch die Wirtschaft durch entgangene Umsätze und fehlende Kaufkraft. Was wiegt dann wirtschaftlich schwerer?

    Das bedeutet aus meiner Sicht nichts anderes, dass die angenommenen Investitionskosten zur Ausstattung aller Klassenräume von geschätzt 6 Mrd. € nur etwa der Hälfte der CORONA-Hilfen der Bundesrepublik für 2 Unternehmen entsprechen. Im Vergleich: Die LUFTHANSA-Beihilfen entsprechen 70.161 €/ Mitarbeiter und die TUI-Beihilfen 51.428 €/ Mitarbeiter.

    Und die o.g. im Verhältnis übersichtlichen Investitionen würden ja nicht nur dauerhaft vernünftige, hygienisch gute Raumluftbedingungen sicher stellen. Sie würden gleichzeitig zu Einsparungen von bis zu 39% der jährlichen Heizkosten pro Klassenraum führen und einer erheblichen Verbesserung der Energie- und Umweltbilanz von Schulgebäuden. Was ja wohl auf LUFTHANSA und TUI nicht zutreffen dürfte. So viel zum Thema „nachhaltige“ und „zukunftssichere“ Investitionen.

    Wäre das zu viel verlangt?

    Ralph Langholz, drexel und weiss Deutschland GmbH

  2. Sehr geehrter Herr Dr. Stahl,
    vielen Dank für ihren Beitrag, der einmal mehr aufzeigt welche Defizite seit Jahren in unseren Schulen bestehen.
    Es sollte einem Land wie Deutschland möglich sein in unsere Zukunft zu investieren. Und diese Zukunft sind nun mal unsere Kinder und Jugendlichen.
    Außerdem bin ich persönlich der Meinung das die Personengruppe welche die aktuelle Schuldenlast in Zukunft tragen muss, auch ein Stück weit von dem Rettungspaket profitieren sollte.
    Die von ihnen errechneten 6 Mrd. Euro sind im Verhältnis zum gesamten Rettungspaket doch nur Peanuts.

    Ralf Kaster, Prduktmanger, Airflow Lufttechnik GmbH

  3. Sehr geehrter Herr Stahl,

    als Lüftungsbauer und Vater eines 16 jährigen Schülers, kann ich Ihnen nur beipflichten. Wer sich wie ich, häufiger in Schulen bezgl. Lüftungssanierung und -verbesserung aufhält, fühlt sich jedesmal an seine eigene Schulzeit erinnert. Weil sich seit 40 Jahren nichts geändert hat. Die Belüftung von Klassenzimmern muß auch endlich bei den Verantwortlichen (da fängt es ja schon an, werd as überhaupt ist ?) als Sofortmassnahme ganz oben stehen. Das sich ein reiches Land, wie Deutschland, so etwas leistet, ist mir seit vielen Jahren ein Rätsel. Durch freiwillige Spenden finanzierte Verbesserungen der Luftqualität in den Klassenzimmern, durften nicht umgesetzt werden.

    Schöne Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr

    Holger Kellenbenz, Erlenbach

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