6. Februar 2017 Autor: Rolf Grupp (Bearbeiter)

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cci Forum: Wohnungslüftung und Regelung der Raumluftfeuchte

Ist es richtig, dass es für Systeme der kontrollierten Wohnungslüftung keine Richtlinien oder Normen gibt, die die Regelung der Raumluftfeuchte vorschreiben – so wie beispielsweise die Arbeitsstättenverordnung am Arbeitsplatz? Auch das Lüftungskonzept nach DIN 1946 Teil 6 "Raumlufttechnik - Teil 6: Lüftung von Wohnungen - Allgemeine Anforderungen, Anforderungen zur Bemessung, Ausführung und Kennzeichnung, Übergabe/Übernahme (Abnahme) und Instandhaltung" ist an dieser Stelle nicht aussagekräftig. Darin geht es höchstens um das Thema Feuchteschutz und damit verbundene Haftungsrisiken. Anders stellt sich die Situation ja in der kommerziellen Komfort-Klimatisierung dar. Dort spielt die Zuluftbefeuchtung schon immer eine wichtige Rolle, um für Behaglichkeit zu sorgen (Stichwort: Arbeitsschutz).
Im Privatsektor nimmt man offenbar eher in Kauf, dass Bewohner von Niedrigenergie- oder Passivhäusern im Winter krank werden (es ist ja allgemein bekannt, dass trockene Raumluft das Überleben von Viren oder Bakterien in der Raumluft begüstigt), als dass man für Feuchteschäden der Bausubstanz zur Verantwortung gezogen wird.

Antworten der Leser

1.
Tagtäglich wird der menschliche Körper  von einer Vielzahl krankheitserregender Mikroorganismen angegriffen. Der Mensch und sein Immunsystem schützen sich vor diesen Angriffen. Speziell die Schleimhäute des Atmungstrakts (Nase, Bronchien, Lunge) erfüllen eine wichtige Aufgabe im Sinne einer Schutz- und Selbstreinigungsfunktion. Innerhalb der Atemwege findet ein kontinuierlicher Reinigungsprozess statt: die sogenannte Mucociliar Clearance. Aktuelle Untersuchungen von Prof. Dr. Guggenbichler zu diesem Thema zeigen, dass dieser Reinigungsprozess allerdings entscheidend von der Raumluftfeuchte abhängt.
Desgleichen haben amerikanische Wissenschaftler der Mount Sinai School of Medicine (New York) den Einfluss der Luftfeuchte auf die Übertragung von Influenza-Viren untersucht. Es zeigte sich, dass bei einer relativen Luftfeuchte zwischen 20 und 35 % das Risiko, sich mit einem Influenza-A-Virus anzustecken, etwa dreimal so hoch ist im Vergleich zu einer mittleren Raumluftfeuchte von 50 %. An dieser Stelle stellt sich die Frage: Was ist mit anderen Krankheitserregern?
Darüber hinaus gelangt bei zu niedriger Raumluftfeuchte der Luftsauerstoff schlechter über die Alveolen der Lungen in die Blutbahn. Die Sauerstoffversorgung des Körpers wird somit beeinträchtigt. Die Haut, ganz besonders jedoch die Schleimhäute,  benötigt eine hohe Luftfeuchte, um nicht auszutrocknen. Schleimhäute verfügen über einen besonders geringen Verdunstungsschutz und zeigen eine stark verminderte Immunabwehr bei Trockenheit. Diesen Folgen zu geringer Raumluftfeuchte kann und sollte die Technische Gebäudeausrüstung vorbeugen.
Durchforstet man Normen und Richtlinien zum Raumluftfeuchtewert, wie z.B. DIN 1946 Teil 4, die Arbeitsstättenrichtlinien o.a. findet man nur pauschale Aussagen wie zwischen 30 bis 60 % oder noch im Optimalfall 40 bis 60 %. Alle haben nur eine Angst und einen Fokus: Schäden an Bauwerken und -teilen durch zu hohe Luftfeuchtigkeit und Schimmelbildung. Die Risiken von zu trockener Raumluft bleiben dabei leider außen vor.

Ralph Langholz, Hanau


2.
In der Arbeitsstättenverordnung gibt es keine generelle Pflicht zur Befeuchtung der Raumluft. Vielmehr steht in Abs. 4.3 (2):
'Üblicherweise braucht die Raumluft nicht befeuchtet zu werden. Für den Fall dass Beschwerden auftreten, ist im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung zu prüfen, ob und gegebenenfalls welche Maßnahmen zu ergreifen sind.'
Auch für Lüftungsanlagen nach DIN 1946 Teil 6 besteht keine Pflicht, die Raumluft zu befeuchten. Ich würde dies auch nicht befürworten, da zum einen für die Befeuchtung der Raumluft viel Energie benötigt wird und dies den Bestrebungen zur Energieeinsparung entgegen läuft und zum anderen, weil die meisten Privathaushalte und auch Betreibergesellschaften von Wohnungsbauten mit der fachgerechten Wartung und Betrieb von Befeuchteranlagen überfordert sein würden. Ein hygienegerechter Betrieb solcher Anlagen ist nicht einfach. Mögliche Schäden könnten die geringen Nutzen, die ja überwiegend im Komfort liegen, bei weitem übersteigen.

Georg Tale-Yazdi


3.
Von der normativen Seite ist die Wohnungslüftung keine Klimatisierung im Form einer ganzheitlichen Beeinflussung des Raumklimas. Das hat auch die Europäische Kommission aufgrund der Interventionen im Rahmen des Richtlinie zum Labelling erkannt und Wohnungslüftungsanlagen und Klimaanlagen nicht in eine Vorschrift gefasst, wie es am Anfang angedacht war (Siehe hierzu die Veröffentlichung des Bundesumweltamts "€žAnalyse der Vorstudien für Wohnungslüftung und Klimageräte",€œ eine Veröffentlichung im Rahmen des Projekts 'Materialeffizienz und Ressourcenschonung' (MaRess)).
Die für die Wohnungslüftung relevante DIN 1946 Teil 6 gibt den allgemeinen Hinweis, dass bei tiefen Außentemperaturen das Lüftungsgerät auch während der Anwesenheit der Nutzer vorübergehend mit einer geringeren Luftleistung als der Nennlüftung betrieben werden kann.
In der Praxis gibt es Techniken, wie die Rotationswärmeüberträger, die neben der Wärmerückgewinnung auch eine Feuchterückgewinnung ermöglichen. Diese Technik ermöglicht, über die Zuluft Teile der in der Abluft enthaltenen Feuchte auf die Zuluft zu übertragen. Zusätzlich sind weitere Vorteile zu verzeichnen. Ein Kondensatablauf wird nicht benötigt, und die Lüftungsgeräte fördern die Luft bis zu zweistelligen Minusgraden in balancierter Betriebsweise (gleicher Zu– und Abluftvolumenstrom). Somit kann auf ein Vorheizregister verzichtet werden.

Carsten Dittmar, Systemair GmbH


4.
Tatbestand: Vorsatz? Wissen was richtig ist (40 bis 60 % relative Raumluftfeuchte), aber trockene Raumlauft nicht befeuchten. Und wir finden einen Grund dafür: Energie sparen! Bauen wir denn Gebäude, um Energie zu sparen oder damit Menschen darin leben und arbeiten können, ohne krank zu werden?

Rüdiger Heß


5.
Hier werden Zustände, die in nur kurzen Zeitspannen auftreten (siehe Jahrestemperatur und -feuchteverläufe) diskutiert, die ein wenig an der Praxis vorbeigehen. Der Reihe nach:

  • 1. Es ist eine hygienische Außenluftrate von 20 bis 30 m³/hPers. erforderlich. Bei einem Vierpersonenhaushalt sind dies somit 80 bis 120m³/h.
  • 2. Es ist ein Mindestaußenluftvolumenstrom zum Feuchteschutz der Bauteile erforderlich. Dieser ist im Wesentlichen abhängig von der Qualität des Wärmeschutzes, mit der logischen Auswirkung auf die sich ergebende Innen-Oberflächentemperatur.
  • 3. In einem Vierpersonenhaushalt kann im Mittel von einem durchschnittlichen Feuchteanfall von 500 g/h ausgegangen werden. Auf der Grundlage dieser Parameter ist es nun keine große Aufgabe, den erforderlichen Luftvolumenstrom für ein entsprechendes Wohnhaus zu berechnen. Auch die DIN 1946 Teil 6 beruht im Prinzip auf diesen Grundlagen, wurde jedoch von schlauen Leuten auf über 100 Seiten aufgebläht. Da oft die einfachsten physikalischen Zusammenhänge anscheinend nicht mehr bekannt sind, bedarf es für immer mehr sogenannter Fachleute ein derartiges, normiertes Auslegungsschema, gemeint ist die DIN 1946 Teil 6, die jedoch nicht selten, gepaart mit handwerklichen Fehlern in der Realisierungsphase, zu schlimmen Fehlfunktionen führt.

Um nocheinmal auf das Kernthema zurückzukommen. In durchschnittlich weniger als zehn Tagen des Jahres (vergleiche auch  Jahrestemperatur- und -feuchteverläufe der Außenluft) kommt es zu den besagten Raumluftqualitäten. Im erweiterten Behaglichkeitsfeld gelten Raumluftzustände von 20 bis 26 °C und 20 % rel. Feuchte als 'noch behaglich'.
Im Grunde genommen ist dies alles nichts Neues. Ich bin sogar der Meinung, dass Herr Pettenkofer seinerzeit die erforderlich Norm für Luftdichte Gebäude hätte schreiben können, allerdings auf nur zehn Seiten. Selbstverständlich gehören hierzu noch etliche bauphysikalischen Aspekte oder auch die verschiedenen Nutzerverhalten angesprochen, dazu fehlt an dieser Stelle jedoch die Zeit.
 

Ich warne jedoch vor solchen Suggestivfragen, wie sie Herr Heß gebraucht - Tatbestand Vorsatz? - werden Menschen in neuen Gebäuden krank? So sollte man an das Thema nicht herangehen! Wir als Anlagenbauer müssen doch den Kopf gegenüber dem Nutzer hinhalten. Aus diesem Grunde müssen wir immer häufiger Planungen komplett kippen. Leider stellen wir auch immer häufiger eine gewisse Vorschriften-, Normen- und Regelwerksverliebtheit bei Planern fest, die auf eine gewisse Unkenntnis des komplexen Themas schließen lässt.

Meine These zu diesem Thema:
Die Luftmenge: So gering wie möglich (Energieeffizienz). So groß wie nötig (Wohlbefinden der Personen)
Die Umsetzung: Hygienisch einwandfreie Montage, wartungs- und inspektionsfreundlich. Schalltechnisch auf höchstem Niveau.
Das Ergebnis: Nachhaltigkeit, Zufriedenheit nahe 100 %.

Helmut Gosert, Anlagenbau Brisch Klima u. Lufttechnik
 

6.
Leider kennen die meisten Nutzer nicht die Zusammenhänge bei der Lüftung. So werden viele Anlagen auch bei Abwesenheit auf hohen Stufen betrieben. Gerade dann ist aber in der Regel keine Feuchteabgabe vorhanden. Oft ist auch der durchgängige Betrieb notwendig, da mit der Luft die Beheizung verbunden ist. Es wundert dann nicht, wenn beim Betreten der Wohnung die Luft Funken versprüht.
Um die Feuchte in der Griff zu bekommen gibt es mehrer Ansätze. Eine technische Antwort ist der Einsatz der Entalpiewärmeübertrager, wie sie von dem Kollegen Dittmar beschrieben wurden.
Eine andere Möglichkeit ist etwas komplexer. Zunächst sollte die Lüftung angepasst betrieben werden. Das bedeutet zum einen die Beheizung von der Luftzufuhr zu trennen. Das machen wir schon lange, um den Nutzer die Möglichkeit von unterschiedlichen Temperaturen in den Räumen zu geben. Das erhöht gegenüber der Einheitstemperatur in der Wohnung deutlich die Akzeptanz.
Dann sollten die Luftmengen überdacht werden. Die DIN 1946 kommt oft auf Luftmengen, die das hygienisch notwendige Maß übersteigt. Wir bauen immer die Möglichkeit dieser Luftwechsel; lassen aber dann die Anlagen in Absprache mit den Nutzern niedriger einregeln. Wichtig dabei ist, dass die Schlafzimmer ausreichend belüftet werden. In Frage zu stellen ist z. B. auch die Zuluftmenge in den Wohnzimmern. Bei den heute oft üblichen Wohnküchen kommt es oft zu einer Überströmung von den Schlafräumen, über die Diele in die Küchenabluft, wodurch die Zuluft in den Wohnzimmern entfallen oder minimiert werden kann.
Last but not least: Die Feuchte ist auch eine Frage der Baustoffe. Zwölf baugleiche Passivhäuser wurden nur mit einer Spachtelung auf den KS-Plansteinen ausgestattet. Nur bei einem Haus hat der Eigentümer in Eigenleistung an je einer Wand der Aufenthaltsräume einen 2 cm starken Lehmputz aufgebracht. Im Schnitt war die Feuchte in fünf Heizperioden ca. 10 % höher als bei den Nachbarhäusern.

Jörg vom Stein, energiebüro vom Stein


7.
Tatsächlich wird die Befeuchtung der Raumluft über die Lüftungsanlage explizit nicht in der DIN 1946 Teil 6 behandelt, weil hygienische Probleme aufgrund von unzureichender Wartung zu befürchten sind. Die von Carsten Dittmar beschriebene Feuchterückgewinnung über Rotationswärmeübertrager hat sich dagegen seit Jahrzehnten in Großanlagen und seit 14 Jahren bei Hoval in der Wohnraumlüftung ohne besonderen Wartungsaufwand bewährt.
Die Österreicher sind in diesem Punkt übrigens konsequenter: In der Ö-Norm H 6038 wird abhängig vom Gesamtvolumenstrom je Person darauf geschlossen, ob eine Maßnahme zur Beeinflussung der Raumluftfeuchte erforderlich ist. Dies kann ein regelungstechnischer Eingriff oder eben eine Feuchterückgewinnung sein.

Peter Kröplin, Hoval GmbH


8.
Ja, es fehlt hier völlig an Regelungen für einzuhaltende Feuchtegrenzen, aber nicht nur das!
Und, wie soll das technisch umgesetzt werden, dass alle Räume hier „im Rahmen“ gehalten werden?
Viele Anlagenhersteller setzen schon Feuchtesensoren im Abluftstrom der zentralen Lüftungsanlage oder einem „Referenzraum“ ein, die jedoch nur eine Mischkonzentration der anfallenden Feuchte erfassen – der einzelne Raum, der Feuchte-Peaks hat, wie das Bad nach Benutzung von Dusche oder Wanne oder die Küche, gehen in der Mischluft ziemlich unter, wenn man deren geringen Luftanteil am Gesamt-Abluftstrom betrachtet.
In trockenen Monaten gibt solche Feuchtesensorik auch nicht den erforderlichen Luftaustausch, wenn man davon ausgeht, dass es neben der Feuchte ganz andere Faktoren gibt, die die Gesundheit beeinträchtigen.
Ist man schon derart modern (?), einen zusätzlichen CO2-Sensor in die Regelung einzubeziehen, wird man dann wenigstens verbrauchte Luft „wegregeln“ können – aber auch nur gemessen aus der Mischluftkonzentration aller Räume.
Betrachten wir auch die tausenden von flüchtigen organischen Substanzen (VOC – volatile organic compounds), die unsere Lebensluft belasten, werden diese von einer reinen CO2-Sensorik übersehen. Erfasst man diese VOC mit entsprechender Sensorik, wird man z. B. nach Neubau oder Renovierung feststellen, dass hier in den ersten Monaten oder Jahren, eine überaus erhöhte Belastung der Atemluft durch die Ausdünstung von Baumaterialien und Inventar festzustellen ist - ein CO2-Sensor übersieht das alles!
Viele Bauherren mit solcher Sensorik klagen jedoch anfangs über zu hohe Luftraten und Energieverschwendung, beachten aber nicht, das dieses der Gesundheit und dem Abtransport schädlicher Substanzen dient – das ist völlig normal und erwünscht!
Aber auch hier ist die Erfassung der VOC im gemischten Abluftstrom nur die (noch nicht einmal) halbe Wahrheit. So könnte man in jedem Raum Feuchte- und VOC-Sensoren (wenn gewünscht zusätzlich CO2) einsetzen und von allen das intensivste Signal zur Regelung des Gesamtabluftstroms verwenden – auch eine „alles-über-einen-Kamm“-Lösung aber technisch relativ einfach zu realisieren.

Aber wie könnte ein Optimum aussehen?
Als ich vor ca. 15 Jahren eine SPS (Speicherprogrammierbare Steuerung) in mein Wohnhaus eingebaut habe, hatte ich viele Zweifler, ob so was denn für ein Wohnhaus „nötig“ sei. Ich argumentierte damit, dass wir (schon damals) jede Menge elektrische Hilfsmittel in unseren Autos haben, elektrische Fensterheber, Klima, Sitzheizung, Airbags, Lüftung, Pollenflter und so weiter.
In unseren Wohnbereichen, wo wir uns viel mehr aufhalten und die einen erheblich längeren Lebenszyklus haben als ein Auto, hatten wir jedoch nur einen Lichtschalter – ich habe wohl Recht behalten, dass solche Techniken langsam in Form von Smarthomes in unsere Lebensräume Einzug halten.
Auch meine „Vision“ von einzelraumgeregelten Heizungen ist über SPS heute kein Thema, meine „Vision“ von standardmäßig, einzelraumgeregelten Lüftungsanlagen, wo jeder Raum bedarfsgerecht geregelte, "frische" Luft zum Leben bekommt, kann ich heute auch mal wieder unserem geliebten Auto gegenüberstellen:
Kleine 4-Zimmerwohnung oder große mit 8-Zimmern, im Auto kleiner Motor mit 4 Zylindern oder großer mit acht oder mehr – je nach Geldbeutel. Wenn man sich heute so ein Motormanagement anschaut: Jeder einzelne der 3-, 4-, 6-, oder mehr Zylinder wird über zig Sensoren, einzelnen Einspritzdüsen und teils mehreren Zündkerzen und Ventilen mit seiner „Atemluft“ versorgt und das wollen/können wir uns für unsere, gesunde Atemluft nicht gönnen/leisten?
Wie groß wäre die Mehrinvestition in einen Neubau (pro Tag) für solch ein System, wenn man sie der Nutzungsdauer eines Wohnhauses gegenüber stellt, wie groß der Komfortgewinn, Gesundheitsvorteil - ach ja, Energie spart man auch noch!
Vielleicht sieht man das in einigen Jahren auch als state of the art.

Axel Gehnich, Perfactory Sensorsystems


9.
Die DIN EN 15251 ist neben Nichtwohngebäuden auch auf Wohngebäude anwendbar. Hier wird unter NA.3.4 auf den Zusammenhang zwischen trockener Luft und der Gesundheit hingewiesen. Unter 6.4 (dieser Punkt ist direkt auf Wohngebäude zugeschnitten) heißt es zunächst: "Üblicherweise braucht die Raumluft nicht befeuchtet zu werden." Unter diesem Punkt wird ebenfalls auf die Risiken von zu trockener UND zu feuchter Raumluft hingewiesen.
Letzten Endes sollte die Notwendigkeit einer zentralen Feuchteregelung mit dem Nutzer abgestimmt werden!
Der Planer/Errichter ist hier in der Pflicht, den Nutzer zu beraten und auf ALLE damit folgenden Konzequenzen hinzuweisen.
Ein nicht gewarteter Luftbefeuchter verursacht eher größeren Schaden als die trockene Luft in der Heizperiode.

Der Name ist der Redaktion bekannt.


10.
Gestatten Sie, sehr geehrte Ingenieure, Planer und Installateure, dass ich mich als Arzt und Schweizer in Ihre Diskussion einmische. Die ehrliche Antwort auf die gestellte Frage lautet schlicht und einfach: Nein, es gibt diese verbindlichen Richtlinien und Normen nicht. Bei Ihnen nicht, bei uns nicht, nirgends gibt es sie. Damit könnte man die Diskussion abschließen, wenn nicht die Gesundheit von uns allen auf dem Spiel stehen würde.
Schuld an den fehlenden normativen Vorgaben sind letztlich Gesundheitsbehörden und eine Ärzteschaft, die in erster Linie in der Pflicht stehen würden, die Bevölkerung vor gesundheitlichen Schäden zu bewahren. Anstatt ärztliches Fachwissen einzubringen, auf dem neuesten Stand zu halten und sich einzumischen, steht die Ärzteschaft abseits. Kennen sie einen Arzt, der in einer Kommission sitzt, die sich mit der Erarbeitung von Gebäudenormen befasst?
Weshalb sollten sich die Ingenieure den gesteigerten Anforderungen an die Gebäudehülle und die technische Gebäudeausrüstung bei aktiver Befeuchtung geheizter Raumluft stellen, wenn es von ihnen nicht im übergeordneten Interesse der Volksgesundheit eingefordert wird? Ihr Haftungsrisiko liegt, wie in der Frage angesprochen, beim ausreichenden Feuchteschutz und damit letztlich beim Gebäudeschutz. Der Gesundheitsschutz, der dazu in einem konflikt- und interessenbeladenen  Spannungsfeld steht, müsste von den Gesundheitsbehörden eingefordert werden.
Ohne aktive Befeuchtung ist in den Wintermonaten in der gemäßigten Klimazone infolge des geringen Feuchteangebots der kalten Winterluft keine Raumklimatisierung mit einer mittleren relativen Luftfeuchte von 40 %, bei einer Raumtemperatur von 22 °C zu erreichen! Die gesamte Bevölkerung wird Winter für Winter in die Wüste geschickt … Gebäudetechnik ohne Befeuchtung macht aus Winterluft Wüstenluft!
In der Wahrnehmung vieler Fachleute wird «Luftfeuchtigkeit» mit «Materialfeuchte» praktisch gleichgesetzt. Solange das Auftreten von Materialfeuchte durch das immer weitere Senken der Raumluftfeuchte verhindert werden soll, erleidet der Gebäudenutzer nicht nur Komforteinbussen, sondern wird einem Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Im Gegensatz zum Pilz ist er auf eine genügende Luftfeuchtigkeit angewiesen. Dem zu vermeidenden Schimmelpilz ist die Raumluftfeuchte völlig egal, da er ausschließlich das flüssige Wasser in der Materialfeuchte nutzen kann. Wir Gebäudenutzer tragen die Krankheitsrisiken, die sich aus der jahrzehntelangen, sträflichen Vernachlässigung der Gebäudeisolierung ergeben, die getrieben war durch niedriger Energiepreise. Der einzige, gesundheitlich verantwortbare Weg zur Vermeidung von Materialfeuchte führt über eine optimale Isolierung der Gebäudehülle. Dass dies nicht nur aus energetischer Sicht sinnvoll ist, sondern auch sinnvoller Feuchteschutz ist, wird sich in den nächsten Jahrzehnten herausstellen.
Doch schon droht den Hausbewohnern neues Ungemach. Anstatt die Chance luftdichter Gebäudehüllen dazu zu nutzen, bedarfsgeregelte Lüftungen zu installieren, wird selbst in Großgebäuden diese Regelung nicht gefordert. Dies hat eine enorme Energieverschwendung zur Folge. Gemäß FGK Status Report 8, 2015, sind es bis zu 50 % der gesamten Gebäude-Klimatisierungsenergie. Unnötige Überlüftung führt im Winter zu einer weiteren, wesentlichen Senkung der Raumluftfeuchte. Verschwendete Energie zur weiteren Senkung der Raumluftfeuchte! Darüber wird großzügig hinweggesehen, die Befeuchtung aber mit Energieeinspar-Argumenten bekämpft. Das ist im Kopf kaum auszuhalten und müsste eigentlich bei den Energiesparern Proteststürme auslösen. Leidtragende sind erneut unsere Atemwege, die zur Luftbefeuchtung missbraucht werden. Die ehrliche Frage müsste lauten: «Wie viel Energie ist uns unser höchstes Gut – die Gesundheit, wert?»

Ich stimme mit dem Fazit in der Leseranfrage zu 100 % überein! Auch für Komfortlüftungen müsste eine Bedarfsregelung und eine Feuchte-Untergrenze gefordert werden. Definitiv problematisch wird es für die Gegner der Befeuchtung, wenn sie zur Kenntnis nehmen müssen, dass die gefährlichste Risiko-Kombination nicht Schimmelpilz an der Wand und feuchte Luft ist, sondern dass trockene Luft die Konzentration von Sporen und Pilzfragmenten in der Luft ansteigen lässt [1]. Der auch von Fachleuten fast routinemäßig gegebene Ratschlag zur Reduzierung der Luftfeuchtigkeit bei Schimmelbefall erhöht die Exposition und damit das Krankheitsrisiko. Nicht zuletzt aus diesem Grund führt an der kostenintensiven Sanierung (Totalentfernung von nicht nur oberflächlichem Pilzbefall) kein Weg vorbei!
Ich befeuchte im Winter seit 25 Jahren – weil ich es mir wert bin!

 [1] Leitfaden zur Vorbeugung, Untersuchung, Bewertung und Sanierung von Schimmelpilzwachstum in Innenräumen», Bundesumweltministerium, 2002, Seite 54.

Dr.med. Walter Hugentobler, Facharzt für Allgemeine und Innere Medizin, CH-6576 Gerra-Gambarogno

11.
Wir haben in der Schweiz die gleiche, intensive Diskussion und versuchen seit ein paar Jahren auf verschiedenen Ebenen, den „Glauben“ mit dem – zugegebenermassen nicht vollständigen – Wissen zu ersetzen; ohne dogmatische Haltung und verkaufstechnische, finanzielle Interessen.
Dazu haben wir im Fachverein SWKI vor zwei Jahren an der 3. Schweizer Hygienetagung ein entsprechendes Referat basierend auf einer Literaturstudie organisiert. Sehen Sie dazu die zwei Beilagen. Dort finden Sie auch deutsche und internationale Standards zusammengefasst nebst den Schweizer Standards und Vorschriften.
Dieses Jahr fand am 27. Januar die 4. Schweizer Hygienetagung des SWKI statt mit einem ähnlichen Referatsthema (Neues BFE-Merkblatt Luftbefeuchtung des Bundesamts für Energie). Siehe dazu hier.
Dazu hat das Schweizer Fernsehen eine Sendung veröffentlicht (Gesundheitsmagazin „Puls“), die leider nur unvollständig in Schriftsprache vorliegt. Die Sendung mit schriftlichen Beilagen finden Sie hier.

In bisherigen Studien wurden jeweils nur einzelne Parameter untersucht (nur Feuchte und Temperatur vs. Behaglichkeit, aber kein Feinstaub, Ozon gemessen usw.). Wir können uns noch ein paar Jahre weiter beschäftigen und die verschiedenen Glaubensrichtungen gegenseitig missionieren. Besser wäre es aber aus meiner Sicht, den Gerüchten und Glaubenssätzen unvoreingenommen, wissenschaftlich, neutral und gesamtheitlich auf den Grund zu gehen. Leider gibt es dafür aber noch keine Lobby, weil kein wirtschaftliches Interesse befriedigt werden kann oder weil der Leidensdruck eben doch nicht so groß ist auf beiden Seiten (pro und contra aktive Luftbefeuchtung).

Vermutlich ist das richtige Fazit: „Wegkommen vom dogmatischen Glauben und Finanzen akquirieren für umfassende, nicht einseitige Studien“.

Unsere Haltung ist: „Aktiv befeuchten nur dort, wo es wirklich notwendig ist“. Und dann aber eine qualitativ hochwertige Befeuchtung in puncto Hygiene sowie Wasser- und Energiebedarf (was auch den Kostenbedarf beeinflusst). Hierzu ist auch der aktuelle Entwurf der VDI 6022 Blatt 6 zu beachten zu dezentralen Befeuchtern. Eine Zusammenfassung des Entwurfs finden Sie hier.
 
David Burkhardt, Aicher, De Martin, Zweng AG


12.
Solange nicht alle auf dem gleichen Wissensstand sind, reden wir aneinander vorbei! Das Grundübel besteht darin, dass die Ingenieure bei der Erarbeitung von Gebäudenormen ganz auf sich gestellt sind. Kennen sie einen einzigen Mediziner, der in einer Normenkommission tätig ist? Das Wissen über die menschliche Physiologie, Mikrobiologie und Infektiologie findet schlicht keinen Eingang in diese Normen. Das Resultat sind «Gebäudeschutz-Normen», «Energiespar-Normen», aber keine «Gesundheitsschutz-Normen». Dabei sollten doch Gesundheit und Wohlbefinden der Gebäudenutzer im Zentrum aller Bemühungen stehen! Während die Bauphysik sehr wohl Bescheid weiß über die physikalischen Prozesse in den Baumaterialien und teils in der Raumluft, fehlt der Bezug zur Biologie der Mikroben und zur Physiologie und Immunologie des Menschen. Nirgends tritt das so offen zutage, wie bei den Parametern für die Luft, zu denen auch die Feuchte gehört. Die gesundheitliche Relevanz der Luftqualität ist immens, und auch volumen- und gewichtsbezogen ist sie das wichtigste Nahrungsmittel des Menschen (15.000 Liter täglich, entsprechend ca. 19 kg).

Ich werde anhand von Beispielen und kurzen Kommentaren aufzeigen, wo ich falsches und fehlendes Wissen orte.

«Wenn Schimmelpilzschäden auftreten, ist es im Gebäude zu 'feucht' - und fast alle denken an die Luftfeuchte»
Schimmelpilze (übrigens alle Pilze und auch die Bakterien!) können kein Wasser aus dem Wasserdampf der Luft beziehen. Sie sind zu 100 % auf flüssige Wasser in ihrem Wachstumssubstart angewiesen. Sie gedeihen auch bei 10 % Luftfeuchtigkeit einwandfrei. Das Wasser beziehen sie aus der Materialfeuchte, genauer deren Wasseraktivität.

«Schimmelpilzbefall macht krank. 1. Hilfe bringt eine Senkung der Raumluftfeuchte»
Ein Pilzbefall auf Baumaterialien stellt lediglich ein Risiko dar. Krank macht erst die Exposition, d. h. das Einatmen von Pilzbestandteilen (Sporen, Pilzfragmente) oder Pilzprodukten wie Toxine. Diese Substanzen gelangen auf dem Luftweg in unsere Atemwege. Dieser aerogene Transport wird erleichtert und gefördert durch Trockenheit und nicht durch Feuchtigkeit! Der erste Standardratschlag der allermeisten Experten zielt auf eine Verringerung der Luftfeuchtigkeit ab (mehr Lüften und Heizen, Wasserdampfproduktion verringern) und erhöht dadurch eindeutig das Erkrankungsrisiko der Betroffenen [1]. Wenn der Pilzbefall nicht vor dem Senken der Luftfeuchtigkeit vollständig entfernt wird, steigt die Exposition deutlich an, weil 1. der «gestresste» Pilz mehr Fragmente und Sporen produziert und abgibt und 2. der Lufttransport in die Lungen erleichtert wird.

«Trockene Luft bekämpft die Mikroben, die auf Feuchte angewiesen sind»
Dass diese Aussage falsch ist, weiß die Wissenschaft seit rund 100 Jahren! Richtig ist, dass praktisch alle Mikroben in sehr hoher Feuchtigkeit (zwischen gut 80 und 100 %) gut gedeihen. Luftfeuchtigkeit unterhalb 40 % konserviert und schützt alle «trockenresistenten» Viren und Bakterien, die uns im Winter Epidemien beschweren (Grippe, Erkältungen, Noroviren, Strepto- und Staphylokokken). Es ist der mittlere Feuchtebereich zwischen 40 und 60 %, der für viele Mikroben tödlich ist. In dieser Übergangszone zwischen «sehr feucht» und «trocken», in der die Begleitsubstanzen der Mikroben (Schleim, Speichel, Darminhalt) extrem konzentriert (übersättigt) sind, werden die Mikroben inaktiviert. In den ausgetrockneten Substanzen wiederum überleben die Mikroben sowohl in der Luft als auch auf den Oberflächen längere Zeit.

«Trockene Luft ist für Menschen unschädlich, höchstens unangenehm»

Es gibt sogar Ingenieure, die denken, dass der Mensch sich «entfeuchten» müsse! Wir alle müssen die Atemluft auf 37 °C und vor allem auf 100 % Feuchtigkeit konditionieren, vor dem Erreichen der Lungenbläschen, ansonsten würden wir ersticken. Unsere Nase ist ein phantastisch leistungsstarker Befeuchter/Entfeuchter und gleichzeitig Heizung und Filteranlage. Vollständig gesunde Menschen mit optimal funktionierenden Nasen können diese Leistung erbringen. Rund die Hälfte der Bevölkerung weist jedoch Krankheitsbilder auf, wie Allergien, akute und chronische Infekte, Polypen und große Rachenmandeln, die die Nasenatmung erschweren. In dieser Situation müssen die unteren Atemwege die Konditionierungsaufgabe übernehmen, für die sie nur im Ausnahmefall und kurzzeitig vorgesehen sind – chronische Atemwegserkrankungen sind die Folge.

Dies sind nur einige der vielen Beispiele, wo gebäudetechnisches Wissen zum Wohle der Nutzer durch medizinisches Wissen ergänzt werden muss.

Dr.med. W. Hugentobler, Gerra/Gambarogno/Schweiz

[1] Bundesumweltministerium, 2002 „Leitfaden zur Vorbeugung, Untersuchung, Bewertung und Sanierung von Schimmelpilzwachstum in Innenräumen“. Zitat Seite 54: „Durch gezieltes Lüften und Heizen der befallenen Stelle kann die Feuchtigkeit reduziert und ein weiteres Schimmelpilzwachstum eingeschränkt werden. Diese Maßnahme darf jedoch nur durchgeführt werden, wenn zuvor bereits vorhandene Schimmelpilzsporen entfernt worden sind, um hohe Konzentrationen in der Raumluft sowie die Entstehung von Sekundärquellen zu vermeiden."


13.
Ich bin absolut kein Fachmann in Bezug auf Wohnraumklima und Wohnraumbefeuchtung im technischen als auch im gesundheitlichen Sinn. Wir haben uns vergangenes Jahr zur Teilnahme an der von Condair angebotenen "Behaglichkeitsstudie" für unser Einfamilienhaus mit KWL entschlossen. Grund waren anhaltende winterliche gesundheitliche Beschwerden durch trockene Raumluft, deren relative Feuchte teils unter 20 % und selten über 30 % lagen. Typische Beschwerden, wie trockene Schleimhäute in Mund, Rachen und Nasennebenhöhlen waren die Folge. Entzündungen mit den Symtomen einer Erkältung bis zur andauernden Sinusitis waren schon fast Standard. Mit dem jetzt in der KWL-Anlage installierten Diffusionsluftbefeuchter haben wir selbst bei bis zu -15 °C Außenluft diesen Winter zuverlässig angenehme Feuchtewerte erreicht. Nebenbei haben die gesundheitlichen Beschwerden deutlich abgenommen.
Fazit: deutliche Komfortsteigerung im eigenen Haus, was man durchaus mit "Behaglichkeit" ;-) umschreiben könnte.

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