27. Juli 2015 Autor: Rolf Grupp (Bearbeiter)

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cci Forum: Lüftung von KIGA/KITAS nach VDI 6040 (Schullüftung)?

Ich stehe bei der Sanierung (dichte Hülle nach ENEV) einer Kintertagesstätte vor der Frage, ob eine maschinelle Lüftung zwingend ist.
Der Bauherr möchte wie so oft Kosten sparen, und deshalb darauf verzichten. Gibt es Regelwerke, die dafür relevant sind?
Kann bei KITAS die VDI 6040 (Schullüftung) angewandt werden?

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1.
Der Anwendungsbereich der VDI 6040 bezieht sich ausschließlich auf Schulen. Sinngemäß kann die Richtlinie aber auch für Kitas, und Kindergärten angewendet werden, allerdings wird wohl die Verwendung der in VDI 6040 Blatt 2, Tabelle 1 angegebenen Werte zu einer Überdimensionierung führen, da die Werte für die Jahrgangsstufe 1 bis 4 als “worst case Szenario“ von 9-Jährigen genommen wurden. Der Ausschuss VDI 6040 hat sich bei der Bearbeitung auch mit der Thematik Kindergärten und Kindertagesstätten befasst, sich aber bewusst gegen die Berücksichtigung ausgesprochen, um die Bearbeitungszeit in Grenzen zu halten.

Dipl.-Ing. (FH) Björn Düchting, Technisch-Wissenschaftlicher Mitarbeiter, VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik, Verein Deutscher Ingenieure, Düsseldorf, 25.02.2015


2.
Frei von gesetzlichen Vorschriften sollten Sie sich als Planer weigern, eine nicht mehr zeitgemäße Installation ohne mechnanische Lüftung auszuführen, bzw. die Verantwortung für eventuelle Gesundheitsbeeinträchtigungen an den Bürgermeister weitergeben. Begründung:
1. Dichte Gebäude reagieren sehr empfindlich auf Luftschadstoffe, die bereits in kleinsten Mengen zu erheblichen Gesundheitsbeeinträchtigungen führen können. Niemand kann Ihnen garantieren, dass aus der Bausubstanz keine Schadstoffe austreten. Bei den alten Voraussetzungen mit kontinuierlicher Lüftung über die undichte Hülle wurden diese Schadstoffe ständig ins Freie transportiert. Wenn das Gebäude „dicht“ ist, erhöhen sich die Konzentrationen erheblich. Der Bürgermeister muss dann die Verantwortung für eventuell „kranke Kinder“ im Kindergarten übernehmen, wenn er anders entscheidet.
2. Je Gruppe mit 20 Personen fallen je Stunde ca. 40 l CO2 an. Um diese abzuführen, wird eine Luftmenge, ausgehend von 1.000 ppm Differenz, von 400 m³/h benötigt. Um 400 m³/h zu erwärmen, bei 0 °C Außentemperatur, wird eine Wärmemenge von (400 m³/h x 1,2 kg/m³ x 20 K/3600 =) 2,67 kW benötigt. Das bedeutet: Der Wärmeverlust über die Fassade ist geringer als der Lüftungswärmeverlust. Es würde wahrscheinlich mehr Sinn ergeben, die Außenhülle gar nicht zu dämmen (was gemäß EnEV verboten ist) und dafür eine Lüftungsanlage mit einer vernünftigen WRG einzubauen.
Machen Sie einen Test im Büro oder in einem Kindergarten ohne Lüftung mit einem CO2-Messgerät, das Alarm schlägt, wenn der Grenzwert von 1.200 ppm überschritten wird. Bei zwei Personen im 20-m²-Büro muss dann alle 30 min gelüftet werden. Das macht keiner! So ein Messgerät kostet 160 € und ist sehr gut geeignet, die Notwendigkeit einer Lüftungsanlage zu untermauern.

Herbert Haser, Betic, Luxemburg, 25.02.2015


3.
Anmerkung der Redaktion von cci Branchenticker
Zum Hinweis von Herrn Haser: Mischgasfühler, die per USB an den PC angeschlossen werden, gibt es bereits für 30 €.

Rolf Grupp (Redaktion), 25.02.2015


4.
Eine Lüftung von Kindertagesstätten bei dichter Gebäudehülle ist dringend anzuraten. Hier zählt nicht allein der CO2-Grenzwert als Steuergröße, sondern auch weitere Faktoren wie VOC (Emission durch Personen und Raumausstattung) und olfaktorische Aspekte (Gerüche). Bei Gruppengrößen bis zu 25 Kindern ist hier, in Verbindung mit einem neuen/sanierten Gebäude, gerade in der Anfangszeit nach der Gebäudeübergabe mit einer teilweise massiven Belastung zu rechnen.
Um die Kosten für eine Lüftung gering zu halten, werden oft dezentrale Lüftungslösungen eingesetzt, die inzwischen auch mit leistungsfähigen Wärmeübertragern angeboten werden zu akzeptablen Preisen. Hier sollte nur genau geprüft werden, welches System sich eignet.
Desweiteren ist auch eine Kombination aus dezentral (Wand-/ Fensterlüfter) mit zentraler Abluft (Küche/ WCs/ Naßräume) möglich und eine energetische Rückgewinnung über einen Wärmerückgewinner und Nutzung zur Warmwasserbereitstellung. Hier müssen aber sehr genau die Volumenströme auf mögliche Zugrisiken geprüft werden.

Ralph Langholz, 25.02.2015


5.
Bei einer Diskussion zum Thema "Ist eine Lüftung in einer Privat-Kita überhaupt notwendig?" habe ich spontan Ist-Innenraummessungen gemacht. Die Ergebnisse waren (auch für mich) überraschend. CO2-Werte über 1.500 ppm und unglaublich hohe Luftkeimzahlen (eine Küche würde man sperren). War aber eine kleine Gruppe (sieben Kinder und drei Betreuer – da Privat-Kita) Nach sofortiger klarer Entscheidung und Einbau einer RLT-Anlage waren Reduzierungen um den Faktor 2,5 bis 3 möglich. Seither prüfe ich ständig Kitas und bin immer wieder über die hohen Keimzahlen im Raum überrascht. Und die Verbesserungen durch richtig gebaute RLT-Anlagen. Klares Bekenntnis zu unsrer Kernaufgabe: Dafür zu sorgen, das kontaminierte Luft „abgeholt“ wird und entsprechende Zuluftqualität in die Räume eingebracht wird. Für den wichtigsten Rohstoff unsrer Gesellschaft: Unsere Kinder.

Ludwig Rüdisser (Rüdisser RLT-Optimierung), 25.02.2015


6.
Der Fachverband Gebäude-Klima schreibt bereits in seinem FGK-Status-Report 22 "Lüftung von Schulen" (11/2004):
"In DIN EN 15251 werden drei Kategorien des Innenraumklimas festgelegt. Die Kategorien berücksichtigen das Maß an Erwartungen der Nutzer und empfehlen die Anwendung der Kategorien auf Gebäude unterschiedlichen Alters bzw. Erhaltungszustandes. Kategorie II und III gelten für ein normales Maß an Erwartungen (Neubau) und Kategorie III für ein moderates Maß an Erwartungen (Bestand). Kategorie I steht für ein sehr hohes Maß an Erwartungen und sollte nur für Personen mit körperlichen Einschränkungen oder sehr kleinen Kindern angewendet werden.
Für Kinder können die notwendigen Außenluftvolumenströme bei bekannter Altersstruktur auch altersabhängig definiert werden. Tabelle 4 (https://cci-dialog.de/branchenticker/2015/kw08/bilder/24415.jpg) ist ein Auszug aus dem österreichischen Leitfaden „Klassenzimmerlüftung – 61 Qualitätskriterien: : Außenluftvolumenstrom in Abhängigkeit vom Zielwert der CO2-Konzentration und dem Alter der Kinder“ [Greml, A.; Kapferer, R.; Leitzinger, W.; Gösseler, A.; Blümel, E.: Klassenzimmerlüftung – 61 Qualitätskriterien 2008/1].
Die folgenden Qualitätskriterien gelten für Schulen und Kindergärten. Im Weiteren wird aber synonym immer von 'Klassenzimmerlüftung' gesprochen."
Auch die Broschüre "Neue Herausforderungen an die Zentrale Raumlufttechnik" des RLT-Verbands zitiert die Tabelle 4 im Bereich "Schullüftung", merkt aber zusätzlich an, dass "laut einer umfangreichen zweijährigen Untersuchung an einer Passiv-Haus-Kita dort 20 m³/hPerson zu gering waren, um stets 1.000 ppm einzuhalten" (Quelle: Prof. Achim Trogisch „20 m³/hPerson sind zu wenig“, TGA-Fachplaner 11/2011).
Daraus ist zu schließen, dass beide Verbände der Ansicht sind, dass die VDI-Richtlinie zur Lüftung von Schulen (VDI 6040) ebenfalls für Kindertagesstätten für Kinder zwischen 0 und 6 Jahren zur Anwendung kommen sollte.
Auf der Website bine.info findet sich ein umfangreicher Artikel zum Thema, ebenso auf der Website des Gesundheitsamts Bremen. Unter anderem steht dort der denkwürdige Satz: "Ein gesundes Umfeld in Schulen, Kitas und anderen Gemeinschaftseinrichtungen ist häufig kein Kinderkram. Eine belastete Raumluft kann akute gesundheitliche Beschwerden hervorrufen oder bei chronischer Belastung auch zu bleibenden Gesundheitsschäden führen."
In einem Rechtsgutachten des Bundesverbands für Wohnungslüftung lautet das Resümee - allerdings nur für Wohngebäude: "Planer und Bauausführende, die bei Neubau oder Renovierung eines Wohnhauses auf eine kontrollierte Lüftungsanlage verzichten, setzen sich Haftungsrisiken aus. Zwar kann heute noch nicht zuverlässig davon ausgegangen werden, dass eine Lüftungsanlage zwingend erforderlich ist, doch birgt die Alternative, den vorgeschriebenen Luftaustausch allein der zusätzlichen Fensterlüftung der Bewohner zu überlassen, erhebliche rechtliche Risiken."
Unter den Suchwörtern "Lüftung Kindertagesstätten" findet Google außerdem einige Broschüren von Herstellern, die ebenfalls die Schul- und Kita-Lüftung gemeinsam behandeln.

Fazit der Redaktion von cci Branchenticker
Es steht außer Zweifel, dass die meisten LüKK-Fachleute der Ansicht sind, dass Schulen und Kitas in Bezug auf ihre Lüftung gemeinsam zu behandeln sind.
Direktlinks zu den erwähnten Texten:
- FGK-Status-Report: hier
- "61 Qualitätskriterien für Klassenzimmerlüftungen": hier. Der Link führt zur 2. Auflage des Leitfadens von 2010. Die Tabelle befindet sich auf Seite 7 (in anderer Aufmachung).
- bine.info: hier
- Gesundheitsamt Bremen: hier
- Rechtsgutachten des Bundesverbands für Wohnungslüftung: hier

Rolf Grupp (Redaktion), 25.02.2015

Artikelnummer: cci38727

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