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26. Oktober 2016 Autor: Sabine Andresen
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Retrofit in der LüKK - ein Überblick

Der folgende Beitrag beschäftigt sich ergänzend zu Beiträgen in cci Zeitung 12/2016 umfassend mit dem Thema Retrofit von gebäudetechnischen Anlagen. Viele Anlagenbetreiber scheuen eine Anlagenmodernisierung, wenn diese Anlage im Prinzip noch gut und zuverlässig läuft. Eine Modernisierung – ein Retrofit –  würde die Anlage auf den neuesten Stand der Technik bringen und Energie und Kosten einsparen.

Definitionen von Retrofit

Retrofit ist ein tückischer Begriff: Er wirkt so selbsterklärend, man meint, ihn intuitiv zu verstehen. Doch wie wird er eigentlich genau definiert? Am ehesten wird Retrofit vor allem mit der Kältetechnik in Verbindung gebracht. Doch ist dies eigentlich sehr eng gefasst. Die Redaktion von cci Zeitung hat bei Verbänden, Branchenvertretern und Unternehmen nachgefragt, wie sie aus ihrer Sicht in ihrem jeweiligen thematischen Umfeld Retrofit definieren.

  • Lüftungs- und Klimatechnik

„Es ist in der Tat spannend, ‚Retrofit‘ und ‚Retrofitting‘ näher zu beleuchten. In der Klima- und Lüftungstechnik wird der Begriff so gut wie nie verwendet. Wenn, dann würde man damit die Erneuerung veralteter Anlagen und Komponenten durch Anlagen und Komponenten, die dem Stand der Technik entsprechen, beschreiben. Wir reden in einem solchen Fall aber eher von energetischer Optimierung oder Sanierung.“
Günther Mertz ist Hauptgeschäftsführer des Bundesindustrieverbands Technische Gebäudeausrüstung (BTGA), Geschäftsführer des Fachverband Gebäude-Klima (FGK) und Herstellerverband RLT-Geräte.

„Retrofit ist in der Tat schwierig zu definieren. Er beschreibt den Austausch von Anlagenteilen. Dies kann der Austausch eines kompletten RLT-Geräts sein, aber auch der Austausch einzelner Teile, wie zum Beispiel der Austausch eines Ventilatorsystems oder der Wärmerückgewinnung. Dabei wird meistens die gesamte Anlage in den Fokus der Betrachtung genommen. Häufig kommt es zur Reduzierung der Luftmengen. Der Hintergrund der Ertüchtigung von Anlagen liegt zum einen am Alter der Anlagen und zum anderen meist an energetischen Vorteilen, die man erzielen will. Hin und wieder sind aber auch hygienische Gründe ausschlaggebend. Nach einer Untersuchung des Umwelt-Campus Birkenfeld (UCB) liegt der Anteil an auszutauschenden RLT-Geräten bei rund 6 % der Gesamtproduktion in Deutschland.“
Dr. Christoph Kaup, Geschäftsführer der Howatherm Klimatechnik GmbH, ist seit 2016 Vorstandsmitglied im Fachverband Gebäude-Klima.

  • TGA-Anlagenbau
     
    „Aus eigener Erfahrung bin ich auf diesen Ausdruck vor allem im Bereich der Kältetechnik gestoßen und da in erster Linie im Zusammenhang mit dem Austausch von Kältemitteln. Doch was verstehen andere darunter – zum Beispiel im europäischen Kontext? Liest man englischsprachige Definitionen, handelt es sich bei einem Retrofit streng genommen um den Eins-zu-Eins-Ersatz von Bauteilen und Komponenten einer Anlage, der Verbesserung und Optimierung einschließt. Erfahrungsgemäß sind die Veränderungen in der Gebäudenutzung und die Veränderungen bei Heiz-und Kühllasten über die Jahre erheblich. Zusammen mit den heute präziseren Berechnungs- und Simulationsmethoden ist eine ingenieurmäßige Anlagenüberprüfung, beginnend mit einer energetischen Inspektion, weit besser geeignet, um die optimale Sanierungsinvestition herauszufinden. Und das sollte doch der eigentliche Sinn von Retrofit sein.“
    Karl-Walter Schuster ist stellvertretender Vorsitzender des Fachverbands Gebäude-Klima und selbstständig mit seinem Unternehmen kwschuster management + consulting GmbH, Gröbenzell. Schuster war 50 Jahre in leitenden Positionen der TGA tätig, zuletzt bei Caverion.

  • Gebäudeautomation/MSR
     
    „Unter Retrofit im Sinne einer Nachrüstung und Modernisierung von Gebäuden verstehen wir als Verband alle technischen Verbesserungen, die die Effizienz in der Nutzung, aber insbesondere die Energieeffizienz steigern, den Komfort verbessern oder die Sicherheit im Sinne der Betriebssicherheit aber auch der äußeren Sicherheit erhöhen. Dazu eignen sich Maßnahmen in der Gebäudeautomation besonders, da sie gerade im Gebäudebestand kostengünstig und mit überschaubarem Aufwand die genannten Ziele erreichen können. Entscheidend für das Gelingen von Retrofit-Maßnahmen in der Gebäudeautomation ist die Migrationsfähigkeit der Systeme, die wesentlich zur Investitionssicherheit beiträgt.“
    Dr. Peter Hug ist Geschäftsführer des Fachverbands Automation + Management für Haus + Gebäude (AMG) im VDMA.
  • Wärmepumpen

    „Typischerweise wird in Brüssel der Term “Deep renovation” verwendet, wenn als Ergebnis eine bedeutende Reduzierung (70 bis 90 %) des Energiebedarfs angestrebt wird. Eine derartig umfassende Renovierung bezieht notwendigerweise den Austausch oder die energetische Verbesserung nahezu aller relevanten Komponenten mit ein (Heizungs-/Kühlungssystem, Lüftungssanlage, Warmwasserbereitung, Fenster, Außendämmung, Dämmung von Decken und Dach, Heizungsverteilsystem). Modernisierung bezieht sich nur auf den Austausch einzelner Komponenten und kann daher, wenn überhaupt, nur wesentlich geringere Einsparungen erreichen. In keinem Fall bezieht sich Retrofit nur auf Kühlanlagen. Es ist immer die gesamte Gebäudetechnik adressiert. Ich denke, es wird deutlich, dass es kaum Einheitlichkeit in der Begriffsnutzung gibt.“
    Thomas Nowak ist Generalsekretär des Europäischen Wärmepumpenverbands European Heat Pump Association (EHPA), Brüssel.

  • Kältetechnik

    „Der Begriff Retrofit ist nicht eindeutig und erfährt verschiedene Auslegungen. In der Kältetechnik wird unter Retrofit eine aktive Anpassung eines Kältesystems an den neuen Kältemittel-Ersatzstoff, zum Beispiel bei R22, verstanden. Häufig geht dies mit dem Austausch des Kältemaschinenöls sowie einer weitgehenden Überholung des kompletten Systems einher. Ein Retrofit ist überall dort sinnvoll, wo längere Restlaufzeiten geplant sind, die Verfügbarkeit der Anlage (zum Beispiel als Teil eines industriellen Prozesses) wichtig ist und Kosten für die Umstellung und den Betrieb eine Rolle spielen. Ein Neubau einer Anlage verspricht in Bezug auf Effizienz und Sicherheit die größten Vorteile. Von der Kostenseite ist jedoch ein Neubau immer mit dem höchsten Invest verbunden. Häufig ist aber aus räumlichen oder prozesstechnischen Gründen ein Neubau zum Beispiel wegen längerer Stillstandzeiten der Anlage nicht möglich. Retrofit sollte nicht mit Drop-in verwechselt werden, also dem reinen Austausch des Kältemittels, ohne größere Umbaumaßnahmen am Kältekreis vornehmen zu müssen. Speziell das vorhandene Kältemaschinenöl kann im Kältekreis verbleiben und kann zusammen mit dem neuen Drop-in-Kältemittel weiterbetrieben werden.
    Heribert Baumeister ist Bundesinnungsmeister des Bundesinnungsverbands des Deutschen Kälteanlagenbauer-Handwerks (BIV).
  • Wärmepumpen

„Auch bei uns hat der Begriff Retrofit zu vielen Diskussionen geführt. Der Begriff Retrofit im Verbindung mit Wärmepumpen stammt aus den 1990er Jahren: Durch das Verbot von H-FCKW als Kältemittel für Wärmepumpen mussten bestehenden Anlagen von R502 auf R22 umgerüstet werden (Tausch von Kältemitteln und Öl).“ Neben dieser Definition gab es in der Branche immer wieder Bestrebungen, den Begriff Retrofit für Marketingzwecke neu zu nutzen: Anfang der 2000er Jahre wurde der Begriff speziell für den Sanierungsmarkt entwickelte Luft/Wasser-Wärmepumpen verwendet, die auch bei niedrigen Außentemperaturen hohe Vorlauftemperaturen bereitstellen konnten. Manche sprechen auch von Retrofit bei der Ertüchtigung einer bestehenden Heizungsanlage oder beim Tausch einer fossilen Heizung gegen eine Wärmepumpe im Gebäudebestand.“
Karl-Heinz Stawiarski ist Geschäftsführer des Bundesverbands Wärmepumpe (BWP).



 

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Artikelnummer: cci50318

Kommentare (4):

Sicherlich besteht schon bei der richtigen Ein- bzw. Nachregulierung einer Anlage ein großes Einsparungspotential, welches über den Ventilatorentausch zusätzlich verstärkt wird. Es ist aber auch durchaus ebenfalls möglich, dass durch diese Maßnahmen der Energieverbrauch steigen kann! Was ich aber vor allem bei diesen Kommentaren vermisse, ist die Thematik der Dichtheit der Luftleitungen!

Was nutzen all diese Maßnahmen, wenn die Leitungen nicht dicht sind? Hier werden meistens riesige Einsparungspotentiale verschenkt, wenn die Sanierung der Luftleitungen beim Ventilatorentausch nicht berücksichtigt werden.

Unsere Partner und wir (Mez Aeroseal) haben hier schon zahlreiche Projekte in Europa umgesetzt, welche zunächst die Abdichtung der Luftleitungen in den Vordergrund stellten und erst im zweiten Schritt die neue Einregulierung mit entsprechendem Ventilatorentausch nach sich gezogen hat.

Die in diesem Beitrag beschriebene Praxis ist aus unserer Sicht alles Andere als zielführend für den Betreiber oder Eigentümer eines Gebäudes bzw. werden die möglichen Einsparungspotentiale eben nicht richtig ausgeschöpft. Ganz zu schweigen von Themen wie Komfort & Hygiene.

Unsere Tests und Projekte in den vergangenen zwei Jahren zeigten durchschnittliche Leckagen zwischen 15 und 40% vor der Sanierung der Anlagen auf. Zudem haben wir kürzlich ein Kalkulationsmodell entwickelt welche die Berechnung der Einsparungspotentiale über die Zugrundelegung von 4 kombinierten Berechnungsmethoden berücksichtigt, welche eine Mindestamortisationszeitberechnung der Abdichtungsmaßnahmen im Vorfeld ermöglicht.
Jörg Mez 31.10.2016
Wir definieren Retrofit im Bereich der Lüftungstechnik also wie folgt:

1) Berechnung der Energiebedarfsveränderung vorab an Hand von 4 Berechnungsmethoden entsprechend der aktuellen europäischen Normen.

2) Steigerung der Luftleitungsqualität auf Niveau der Dichtheitsklasse D und besser - 90% Leckagereduktion werden dabei als Minimum garantiert, sofern keine schwerwiegenden Baumängel vorhanden sind (z.B. fehlende Verbindungen, fehlende Bauteile, Revisionsdeckel etc.)

3) Neue Einregulierung mit einhergehendem Ventialtorentausch

4) Erstellung eines Zertifikats welches die Sannierungsmaßnahme belegt.

In diesem Zusammenhang sind wir aktuell auf der Suche nach geeigneten Objekten zur Durchführung von Pilotprojekten als Langzeitstudie (z.B. Bürogebäude, Krankenhäuser, Industrieobjekte etc.) . Bitte setzen Sie sich bei Interesse mit uns in Verbindung!
Jörg Mez 31.10.2016
Ich kann mich Herrn Mez besonders im Punkt 3 nur recht geben.

In der Regel ist fast keine RLT-Anlage "einreguliert" worden. Bei einer einregulierten Anlage kommt die im zentralen RLT-Gerät aufbereitete Luftmenge auch dort an, wo geplant bzw. der tatsächliche Bedarf ist.

Wenn diese Luftmengen nicht über das Kanalnetz und die Luftdurchlässe nach dem tatsächlichen Bedarf verteilt werden, kann die tollste Retro Fit Lösung nie zu einer nachhaltigen Energieeffizienz des Gesamtsystems führen.

Leider wird die "Neueinregulierung" (bedarfgerechte Verteilung von Luft) bei den meisten Optimierungsmaßnahmen nicht beachtet.

Der hydraulische Abgleich in Heizsystemen ist bei Retro Fit Maßnahmen (Optimierungsmaßnahmen) immer Voraussetzung für eine Förderung. Bei Kältesystemen ist der hydraulische Abgleich noch scheinbar unbekannt.

Es ist einfach entscheidend, dass wir bei effizienten Retro Fit Maßnahmen ganzheitlich und nicht nur in Komponenten denken.
Detlef Malinowsky 05.12.2016
Kein Ventilatortausch ohne Einregulierung des Luftverteilsystems!
Detlef Malinowsky 05.12.2016

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