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28. September 2016 Autor: Hilde Kari Nylund/ Dr. Walter Hugentobler
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Sechs Fragen über Luftbefeuchtung von Hilde Kari Nylund

Es ist manchmal erstaunlich, wo überall auf der Welt Beiträge aus cci Zeitung gelesen werden. In cci Zeitung 11/2016 erschien ein Interview mit der norwegischen Journalistin Hilde Kari Nylund, Oslo. Sie recherchierte für die norwegische LüKK-Fachzeitschrift "Norsk VVS" zum Zusammenhang zwischen Luftfeuchtigkeit und Erkältungskrankheiten - und stieß auf den Beitrag "Die Nase ist unsere Klimaanlage" in cci Zeitung 8/2015. Daraufhin wollte sie mehr wissen und stellte dem Autor des Beitrags, den pensionierten Hausarzt Dr. Walter Hugentobler aus Zürich, ihre Fragen. In cci Zeitung 11 erschien eine stark gekürzte Fassung des Interviews. Hier veröffentlichen wir die ausführlichen Antworten von Dr. Hugentobler.

Frage 1: Zusammenhang zwischen niedriger Luftfeuchte und dem Überleben von Viren

Hilde Kari Nylund: Sie schreiben, Luftbefeuchtung weist ein bisher weitgehend brachliegendes Präventionspotenzial auf, wir sollten das Beste daraus machen. Würden Sie sagen, dass nach heutigem Wissensstand der Zusammenhang zwischen niedriger Luftfeuchtigkeit (speziell absoluter Luftfeuchtigkeit) und dem Überleben von Viren zweifelsfrei gegeben ist?

Dr. Hugentobler: Unser Wissen vom Überleben der Grippe- und Erkältungsviren in der Luft ist gross. Leider werden Wahrnehmung und Akzeptanz der Luftübertragung von Krankheitserregern durch historische Altlasten erschwert. Gesundheitsbehörden verfolgen die diesbezügliche Forschung mit gemischten Gefühlen, da sie überschattet ist von den traumatischen Erfahrungen während den Endemien und Pandemien das 20igsten Jahrhunderts. Forschungsergebnisse zum Überleben von Erregern in der Luft beobachten die Behörden generell mit Argwohn. Die Anerkennung neuer Erkenntnis würde die bestehender Pandemiepläne, Bauvorschriften und Wohnstandards in Frage stellen und das Gefühl der Hilflosigkeit noch verstärken. Angesichts der Schwierigkeit, ja schieren Unmöglichkeit, die Luftübertragung so häufiger Krankheiten wie Grippe und Erkältungen wirksam zu kontrollieren, wurde eine defensive Haltung eingenommen. Die Furcht, dass offene Information in der Bevölkerung zu Panikreaktionen führen könnte, verhindert eine transparente Informationspolitik. Es wurde einseitig auf Impfkampagnen gesetzt und nicht erkennbar nach Präventionsstrategien gesucht. Der immer lauter werdende Ruf nach flächendeckenden Impfungen wird mittlerweile nicht nur von Mitarbeitern des Gesundheitswesens mit Skepsis aufgenommen. Die Impfbereitschaft in der Bevölkerung bröckelt trotz Kostenübernahme durch die Kassen und immensem Werbeaufwand.
Die Pharmabranche investierte erhebliche Ressourcen in die Weiterentwicklung von Impfstoffen. Initiale, rasche Erfolge liessen die Hoffnung aufkommen, dass die Infektionskrankheiten bald kontrollierbar werden könnten. Aber Meldungen von immer neuen Grippeerregern („Vogel-Grippe“) verbreiteten Angst und Schrecken. Für die Bevölkerung wurde erkennbar, dass sicher wirksame Impfstoffe in der nächsten Zukunft nicht zu erwarten waren und dass Pandemien uns auch in der Zukunft bedrohen werden.
In den frühen Achtzigerjahren hat das Center for Disease Control and Prevention (CDC) den Begriff der „Aerosol-Übertragung“ schlicht aus all seinen Dokumentationen über Grippeübertragungen gestrichen. Infolgedessen fand in den Präventionsplänen der Gesundheitsbehörden weltweit die Luftübertragung der saisonalen und pandemischen Grippe kaum mehr Erwähnung und demzufolge sind auch keine diesbezüglichen Präventionsmassnahmen vorgesehen. In den letzten Jahren allerdings hat das CDC begonnen, die Beschäftigten im Gesundheitswesen (nicht die Bevölkerung) darüber zu orientieren, dass eine Luftübertragung der Grippe „als möglich erachtet wird“. 2007 bereits publizierte das CDC eine Liste von Erregern die „auf dem Luftweg übertragen werden können“. Diese führt neben Grippeviren ebenfalls Erkältungsviren, das gefürchtete SARS Virus, Noro- und Rotaviren auf. Zudem benutzen die Gesundheitsbehörden den nicht eindeutigen Begriff „Tröpfchen-Übertragung“, der eine Luftübertragung nicht explizit ausschliesst. Damit kann verhindert werden, dass den Behörden im Nachhinein eine Fehleinschätzung vorgeworfen werden kann.
In einem „Positions-Papier über luftübertragene Infektionskrankheiten“ der ASHRAE wird festgehalten „die Kontrolle der saisonalen Grippe beruhte in den letzten Jahrzehnten auf der Verhinderung von Tröpfchen-Übertragung, obwohl es Hinweise gibt, dass die Übertragung durch luftgetragene kleinste Tröpfchen eine viel grösser Bedeutung haben könnte“ (19. Jan. 2014, Seite 6).
Zu welcher Art von „Infektions-Prävention“ führt eine derart intransparente Informationspolitik? Dies führt uns zurück zur eingangs gestellten Frage …… kann Luftkonvektion von unter vierzig Prozent Luftfeuchtigkeit Überlebenszeit und Schwebezeit von infektiösen Aerosolen fördern und damit die Verbreitung in Gebäudekomplexen und öffentlichen Verkehrsmittel erleichtern? Die Antwort ist ein eindeutiges: Ja, das ist möglich! Gesundheitsbehörden wissen, dass tiefe Luftfeuchtigkeit die Luftübertragung von Infektionen fördert, ziehen es aber vor, nicht offen davon zu sprechen.
Neueste Arbeiten belegen erneut, was wir bereits seit über fünfzig Jahren wissen: für Menschen komfortable Luftfeuchtigkeit von über vierzig Prozent, ist für ausgehustete Grippe und Erkältungsviren tödlich – großartiges Konzept der Natur! Natürlicher Infektionsschutz, solange wir den durch Evolution, Klima, Naturgesetzte und menschliche Physiologie vorgegebenen komfortablen Feuchtebereich nicht verlassen.
Was ist der Hintergrund dieser höchst faszinierenden Beobachtung? In einer Publikation 2012 gab die Forscherinnen Wan Yang und Lindsey Marr dafür die nachfolgenden Erklärungen. Wenn infektionskranke Personen atmen, sprechen oder husten, geben sie aus ihren gut befeuchteten Atemwegen permanent tausende von Tröpfchen in die umgebende Luft ab. Diese bestehen aus salzhaltigem Schleim, Speichel und darin suspendierten Erregern. Die Tröpfchen schrumpfen in Sekundenbruchteilen um mehr als neunzig Prozent ihres Volumens, während sie sich an die Feuchteverhältnisse in der Raumluft anpassen. Der Gleichgewichtszustand wird diktiert von den Gesetzen der Thermodynamik und dem Kelvin Effekt. Diese beschreiben den Energie- und Massentransfer (Wärme, Kondensation und Evaporation) zwischen einem sphärischen, salzhaltigen Tröpfchen und der Umgebungsluft (siehe Grafik 1). Die relative Luftfeuchtigkeit im Raum bestimmt die resultierende Tropfengrösse und damit Salzkonzentration und Überlebenszeit der Viren!
Trockene Raumluft mit einer relativen Luftfeuchtigkeit unter vierzig Prozent verlängert die Überlebenszeit der Viren in den Tröpfchen. In trockener Luft führt der hohe Wasserverlust der Tröpfchen zur Übersättigung der Salzlösung und zur Auskristallisierung. In den auskristallisierten Salzen können die Viren vital und infektionsfähig überleben. Der Feuchtigkeitswert bei dem die übersättigte Salzlösung kristallisiert, nennt sich „Effloreszenz Feuchte“. Wenn eine Zweitperson dieses ausgetrocknete Aerosol-Tröpfchen in ihre befeuchteten Atemwege einatmet, gehen die Salze wieder in Lösung und die noch infektionsfähigen Viren können in die Schleimhaut eindringen und eine Infektion auslösen.
Mäßig feuchte Luft aber von vierzig bis sechzig Prozent relativer Luftfeuchte kann viele Viren inaktivieren. Interessanterweise trifft diese auf all diejenigen Viren zu, die die Mehrzahl der Infektionen im Winter ausmachen (Grippe- und Erkältungsviren, RS-, Corona-, Noro- und Rotaviren). Wenn die Luftfeuchtigkeit über vierzig bis fünfundvierzig Prozent liegt, sind die Viren in den Tröpfchen anhaltende einer übersättigten Salzlösung ausgesetzt, die sie innert Minuten abtötet! Komfortabel befeuchtete Raumluft schützt demzufolge Personen vor einer Infektion – grossartiger Schutzmechanismus der Natur zu unseren Gunsten, aber unwirksam wenn er durch unnatürlich tiefe Luftfeuchtigkeit ausgeschaltet wird!
Trockene Raumluft ist der Hauptgrund für das saisonale Auftreten der Grippe, nicht die winterlichen Aussentemperaturen! Infizierte Personen übertragen ihre Krankheitserreger auf gesunde Personen über Kontakte und über die geteilte Raumluft. Da wir über neunzig Prozent unserer Lebenszeit in Gebäuden verbringen, teilen wir ungefragt und ohne direkte Zustimmung mit jedem Anwesenden die Atemluft. Die Atemluft ist somit das grösste Kontakt-Medium aller Zeiten! Leider enthält dieses unfreiwillige „soziale Medium“ allerlei Verunreinigungen, Grippe und Erkältungsviren eingeschlossen!




 

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