Es ist wieder sehr in Mode, komplexe Sachverhalte in ein „Entweder-Oder“ einzuteilen. Zudem werden technische und wirtschaftliche Fragen oft unter dem Aspekt betrachtet, wer auf welcher Seite steht. Das trifft meiner Meinung nach nicht den Kern der Sache und greift einfach zu kurz, um komplexe Entscheidungen zu treffen. Auch beim Bau von Rechenzentren.
Ich schreibe das, weil kürzlich im Stadtparlament von Groß-Gerau südlich von Frankfurt über die Ansiedlung eines Rechenzentrums entschieden wurde. Spoiler: Das Rechenzentrum wird so, wie es geplant wurde, nicht gebaut. In der Nähe des Dornberger Bahnhofs wollte das US-amerikanische Unternehmen Vantage Data Centers auf einem rund 14 ha großen Areal ein Rechenzentrum mit einer geplanten Leistung von 174 MW errichten. Die Frankfurter Rundschau fasst das Ergebnis der im Vorfeld mit Spannung erwarteten Sitzung des Stadtparlaments so zusammen: „Mit überraschend breiter Mehrheit hatte die Stadtverordnetenversammlung am Dienstagabend das 2,5-Milliarden-Euro-Projekt des US-Unternehmens Vantage Data Centers mit 18 zu 14 Stimmen abgelehnt. Für die einen eine glückliche Entscheidung, für die anderen wurde ein vermeintlich goldenes Kalb geschlachtet.“ Als Entscheidungsgrundlage hatte die Stadtverwaltung eine Analyse über das Ansiedlungsansinnen eines Rechenzentrums erstellt. Die wesentlichen Schwachpunkte des Plans: Zum einen gebe es keine vertraglichen Regelungen bezüglich der Abwärmenutzung – es existieren noch keine entsprechenden Leitungen und Verteilsysteme. Außerdem gibt es wie gesagt keinen potenziellen Versorger, der die Abwärme nutzen will. Es sei mit erheblichen Kosten für die Infrastruktur von Nah- und Fernwärme zu rechnen. Zugleich war die Abwärmenutzung allerdings eines der stärksten Argumente von Vantage Data Centers für den Bau. Zudem seien aus Sicht der städtischen Analyse die prognostizierten Steuereinnahmen unsicher, nicht verlässlich und daher schwer prognostizierbar. Und was ist eigentlich mit dem Zuwachs an Arbeitsstellen, möchte man einwenden? Zwar rechnet die Analyse mit positiven Auswirkungen auf Dienstleister und Bauwirtschaft, direkte Beschäftigungseffekte werden eher niedrig eingeschätzt – in einem Rechenzentrum arbeiten vor allem Rechner, möchte man hinzufügen.
Jetzt sind also die Würfel gefallen und das Data Center wird (so) nicht gebaut. Hat die Kommune da eine riesige Chance vertan oder ist man durch das knappe Votum mehreren Risiken (finanziell, städtebaulich, ökologisch) klug aus dem Weg gegangen? Auch hier sehe ich keine klare Antwort. Man muss das Votum des Stadtparlaments und die Sorgen der Bevölkerung akzeptieren und ernst nehmen, auch wenn dadurch zunächst eine Absage erteilt wurde. Andererseits ist vollkommen klar, dass wir leistungsfähige Rechenzentren brauchen – ohne diese ist unser modernes Leben gar nicht denkbar. Aber diese Bauvorhaben haben beträchtliche Auswirkungen auf Wasserressourcen, Stadtbild und Flächenverbrauch – und ohne Akzeptanz in der Bevölkerung wird das entsprechende Bauvorhaben abgesagt. Es gibt eben nicht nur Schwarz oder Weiß.
In der kommenden Ausgabe (3/2026) von cci Zeitung erscheint am 4. März zum gleichen Thema ein Gedankensplitter unseres Geschäftsführers Florian Fischer, der die Entscheidung Groß-Geraus eher kritisch betrachtet.
Wie sehen Sie dieses Thema?
Thomas Reuter
PS: Kommentieren Sie diesen Beitrag gerne direkt oder per E-Mail. Bei per E-Mail eingesendeten Kommentaren setzen wir Ihr Einverständnis zur Veröffentlichung voraus. Vielen Dank!
cci316821
Jede Art der Vervielfältigung, Verbreitung, öffentlichen Zugänglichmachung oder Bearbeitung, auch auszugsweise, ist nur mit gesonderter Genehmigung der cci Dialog GmbH gestattet.








