Deutschland hat eine Pessimismus-Kultur. Bestimmte Themen haben es hierzulande schwer: Ganz egal ob Digitalisierung, neue Technologien oder wirtschaftliche Modernisierung – vieles wird in der öffentlichen Diskussion mit einer Grundskepsis betrachtet, die fast schon zum Alltag gehört. Im Ausland ist häufig eine ganz andere Dynamik zu erleben.
Auf LinkedIn habe ich kürzlich einen Post mit genau dieser Überschrift von Dr Miriam Meckel gelesen. Kernaussage des Artikels ist, dass Pessimismus ein Privileg für jene sei, die es sich leisten können zu verzweifeln. Denn nur wer im Wohlstand lebt, soziale Sicherheit kennt, stabile Institutionen, funktionierende Infrastruktur und jahrzehntelangen Frieden erlebt hat, kann sich eine Haltung erlauben, die in allem erst einmal Risiken sieht. Eine provokante Aussage mit einem leider sehr wahren Kern, wie ich finde.
Schaut man sich die öffentlichen Debatten in Deutschland über Zukunftsthemen an, wirken die Diskussionen oft schwerer, als es die Themen selbst eigentlich sind. Ganz egal ob Digitalisierung, neue Technologien oder wirtschaftliche Modernisierung – vieles wird mit einer Grundskepsis betrachtet, die fast schon zum Alltag gehört. Mein Eindruck ist, dass diese Haltung weniger mit technischen oder administrativen Hürden zu tun hat, sondern eher mit einer allgemeinen Stimmung, die sich über die Jahre verfestigt hat.
Wenn ich beispielsweise mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern spreche, erlebe ich häufig eine ganz andere Dynamik. Dort wird neue Technologie pragmatischer gesehen: als Werkzeug, das man ausprobiert, anpasst und weiterentwickelt, als Chance, besser und erfolgreicher zu werden! Und ja: Fehler gehören dazu, Tempo allerdings auch. In Deutschland dagegen scheint der erste Impuls oft zu sein, mögliche Risiken zu identifizieren, bevor man überhaupt beginnt. Das ist ja per se nicht ganz falsch – aber es verlangsamt und verhindert eben auch vieles. Unsere industrielle Vergangenheit schwingt dabei immer noch mit. Wir sind stolz auf Präzision, Sicherheit und Perfektion. Diese Eigenschaften haben uns weit gebracht, doch sie können auch dazu führen, dass wir Innovation erst dann zulassen, wenn sie vollständig durchdacht und marktreif ist. Moderne Technologien funktionieren aber oft anders. Sie entstehen in Iterationen, in schnellen Zyklen, in denen man lernt, korrigiert und immer weitergeht.
Mein Gefühl sagt mir: Wir müssen nicht nur optimistischer werden, sondern vor allem neugieriger. Weniger darauf fokussiert, was schiefgehen könnte, sondern mehr darauf, was möglich wäre. Wenn wir es schaffen, unsere Vorsicht mit etwas mehr Experimentierfreude zu verbinden, könnten wir viele Entwicklungen nicht nur aufholen, sondern aktiv mitgestalten. Insbesondere jüngere Menschen werden hierzulande leider oft bereits in Kindergarten und Schule mit einer langen Liste an Problemen konfrontiert: Klima, Wirtschaft, Rente, Bürokratie, Energie. Zukunft erscheint ihnen dadurch nicht als Gestaltungsraum, sondern als Herausforderung. Das prägt natürlich die Haltung beziehungsweise schürt die Angst gegenüber Veränderung.
Dabei gibt es in Deutschland viele Bereiche, in denen enormes Potenzial steckt – von KI über Automatisierung bis hin zu neuen Energie- und Kühltechnologien. Die technischen Voraussetzungen sind da, die Expertise ebenfalls. Was manchmal fehlt, ist der Mut, Dinge früher auszuprobieren und schneller zu entscheiden. Dabei geht es nicht darum, Risiken zu ignorieren, sondern darum, ihnen nicht die gesamte Aufmerksamkeit zu geben. Fortschritt entsteht selten aus Perfektion, sondern vielmehr aus dem Willen, ihn zu versuchen.
Andreas Graf-Matzner
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Hallo Herr Graf-Matzner,
ich schließe mich dem Kommentar von Herrn Ahrend vollumfänglich an und erlaube mir zu dem von Ihnen zum Ausdruck gebrachten Neugier-Apell folgende Ergänzung:
Zunächst auch von mir zwei Zitate:
„Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“
(Albert Einstein)
„Die Neugier ist die mächtigste Antriebskraft im Universum, weil sie die beiden größten Bremskräfte im Universum überwinden kann: die Vernunft und die Angst.“
(Walter Moers)
Neugierde kostet nichts, sie ist jedem in die Wiege gelegt. Der Griff zum Honigtopf oder zur heißen Herdplatte: Ist da was drin für mich und tut das wirklich weh? Erfahrungen sind rasch gemacht und verarbeitet. So wichtig dies zum Überleben ist, so sehr sorgt es doch für das zunehmende Verkümmern der Neugierde. Spätestens mit Eintritt in die schulische Laufbahn erledigen Lehr- und Stundenpläne größtenteils die Erfahrungsmechanik der sprichwörtlich und bekannten „kindlichen Neugierde“. Ausbildung, Studium und das anschließende Berufsleben bedienen sich vornehmlich weiterer extrinsischer Motivatoren wie Gehalt bzw. Lohn in Relation zur Arbeitszeit, Position bzw. Status, beides gekoppelt an Macht, Freiheit, Individualität. All dies nützt sich im Laufe eines Berufslebens auch zusehends ab. Zeit also, es auf den Versuch ankommen zu lassen, die Neugierde zu reaktivieren!
Danke und Grüße aus Wittlich
Bernhard Schöner
Guten Morgen Herr Graf-Matzner,
Ihren Kommentar aus dem heutigen Branchenticker „Pessimismus ist ein Privileg“ teile ich in vollem Umfang und hat mich gleich morgens um 7 Uhr gedanklich abgeholt. Für mich ein wirklich guter Start in den Tag, wofür ich mich bei Ihnen bedanken möchte.
Ergänzend dazu ein Zitat von einer ganz großen Persönlichkeit, welches passender nicht sein könnte …
„It always seems impossible until it´s done“ Nelson Mandela ( *1918 +2013 South Africa)
In diesem Sinne liebe Redaktion, abgesehen von den fachlichen Beiträgen aus unserer spannenden Branche, die sehr geschätzt werden und Grundbestand Ihres Erscheinens sind, bleiben Sie, besser noch wir alle, neugierig & mutig.
Mit den besten Grüßen aus Hannover
André Ahrend