Kommentar: Immer genau hinschauen

Sabine Andresen (Abb. © cci Dialog)

Ende Januar bin ich beim Onlineportal Cooling Post auf eine Meldung zu einer neuen Studie zum britischen Wärmepumpenmarkt gestoßen. Demnach habe eine Umfrage eines Ökostromunternehmens ergeben, dass 85 % der Besitzer von Wärmepumpen keine Heizkostenersparnis nach dem Heizungstausch festgestellt haben. Das hat mein Interesse geweckt. Was steckt dahinter?

O Graus! Wärmepumpen sparen keine Energie, sondern verbrauchen sogar mehr als gedacht: Dies behaupten die Autoren einer neuen Wärmepumpenuntersuchung in Großbritannien, über die in einer Meldung der Cooling Post am 27. Januar zu lesen war: „Eine Umfrage unter mehr als 1.000 Besitzern von Wärmepumpen ergab, dass fast 70 % der Besitzer angaben, ihre Heizkosten seien sogar gestiegen.“ Die Umfrage wurde von Ecotricity in Auftrag gegeben, einem Unternehmen, das sich der Versorgung von Haushalten und Unternehmen mit Ökostrom und klimaneutralem Ökogas verschrieben hat.

Laut Ecotricity-Bericht würden Wärmepumpen in der Praxis außerdem in der Regel eine deutlich geringere Leistung erbringen als von ihren Herstellern angegeben. Und da Strom nach wie vor weitaus teurer sei als Gas, koste der Betrieb einer Luftwärmepumpe derzeit etwa 24 % mehr als die Beheizung eines Hauses mit einem modernen Gasheizkessel. Soweit die Behauptungen der Studie. Doch das war noch nicht alles: Wärmepumpen würden nur in gut isolierten Häusern mit geringem Wärmebedarf optimal funktionieren. Rund 6 Mio. Haushalte in Großbritannien würden demnach niemals für eine Wärmepumpe geeignet sein.

Wie ordnet man diese Aussagen nun ein? Auch angesichts der Tatsache, dass zahlreiche Studien nachgewiesen haben, dass sich Wärmepumpen als effiziente Heiztechnik sehr wohl eignen, im Bestand eingesetzt zu werden und auch entsprechende Leistungen zu bringen? Ich wette: Hätte es eine Pressemitteilung für den deutschen Markt gegeben, stünde längst auf dem Blatt mit den großen Buchstaben auf der Titelseite: „Alles Lüge! Studie entlarvt Wärmepumpen als Energieschleudern.“ (Oder kürzer, mit noch größeren Lettern: „Die Wärmepumpen-Lüge“)

Hier lohnt es sich, mit kritischem Blick genauer hinzuschauen, um die Studie richtig zu bewerten. Wie nachzulesen ist, ist Dale Vince, der Gründer von Ecotricity, ein Verfechter von Wasserstoff und möchte, dass dieser eine wichtige Rolle beim Übergang Großbritanniens zur Netto-Null-Emissionswirtschaft spielt. Die Regierung hat versucht, die Nutzung von Wasserstoff in Haushalten zu testen, aber aufgrund der Ablehnung in der Bevölkerung kam das Projekt nie richtig in Gang. Die Labour-Regierung scheint Wasserstoff stärker zu unterstützen als die vorherige Regierung. Ebenso ist Vince ein Verfechter von „green gas“ (siehe hier). In der Studie selbst wird nicht ganz klar, nach welcher Methode vorgegangen wurde. („Die Untersuchung basiert auf der Analyse veröffentlichter empirischer Daten aus offiziellen Regierungsberichten; Daten aus einer aktuellen unabhängigen Umfrage unter Bürgern, die Wärmepumpen besitzen sowie auf Beiträgen von Branchenexperten“). Wer selbst nachlesen möchte: Link

Ich habe dazu auch im Markt nachgefragt und folgendes Statement von Volker Weinmann, Beauftragter Politik, Umwelt und Verbände bei der Daikin Airconditioning Germany GmbH, Unterhaching bekommen: „Interessant ist, dass parallel zu der genannten Studie, die im Auftrag eines englischen Ökostrom- und Green-Gas-Unternehmens erstellt wurde, mehrere aktuelle deutsche Studien unabhängiger Institutionen vorliegen. So zeigt das Fraunhofer ISE (siehe auch cci308094) auf Basis eines von 2019 bis 2024 durchgeführten Forschungsprojekts mit jahrelangen, kontrollierten Messungen im 30-Sekunden-Takt, was unter guten Praxisbedingungen real erreichbar ist: Wärmepumpen heizen auch im Bestand effizient und klimafreundlich, mit einer durchschnittlichen Jahresarbeitszahl von 3,4 bei Luft/Wasser-Wärmepumpen.“

Zudem belege die Fraunhofer-Studie laut Weinmann eine Effizienzsteigerung gegenüber früheren Untersuchungen aus dem Jahr 2019 sowie, dass nicht das Gebäudealter, sondern vor allem niedrige Heizkreistemperaturen – und damit die Qualität von Heizflächen, Hydraulik und Regelung – entscheidend sind. Repräsentative Forsa-Befragungen (siehe cci295549) bestätigen ergänzend die technische Zuverlässigkeit von Wärmepumpen und eine hohe Nutzerzufriedenheit.

Weinmanns Fazit: „Die britische Studie liefert Impulse, ist jedoch als Unternehmensstudie mit einer spezifischen Perspektive einzuordnen; für eine belastbare Marktbeurteilung in Deutschland sind hierzulande durchgeführte unabhängige wissenschaftliche Analysen aus meiner Sicht maßgeblicher. Auch meine persönliche Erfahrung zeigt ein anderes Bild als die englische Studie: In unserem rund 150 Jahre alten, 1979/80 sanierten Einfamilienhaus erreichen wir mit der seit 2021 installierten Wärmepumpe und ohne Tausch der vorhandenen Heizkörper eine JAZ von 3,15 und haben 2024 rund 800 € gegenüber der früheren Gasheizung eingespart.“

Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema? Ich bin sehr gespannt.

Sabine Andresen
sabine.andresen@cci-dialog.de (mailto:sabine.andresen@cci-dialog.de)

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Ein Kommentar zu “Kommentar: Immer genau hinschauen

  1. Verzeihen Sie mir bitte, dass ich die englische Studie jetzt nicht komplett überprüft habe. Um diese Aussage zu bewerten, braucht es nur wenige Zahlen: Was kostet die kWh Gas in England ? Wie hoch ist die JAZ einer Wärmepumpe in England und was kostet dort die kWh Wärmepumpenstrom ?
    Ohne den Inhalt komplett zu kennen, wage ich folgende Hypothesen: Wärmepumpen in England kosten bekanntlich viel weniger als in Deutschland, vermutlich spart man sich so kostenintensive Goodies wie eine vernünftige Heizlastberechnung, Pufferspeicher und hydraulische Optimierung. Ich vermute mal die COPs und JAZs fallen dementsprechend ernüchternd aus mit dem entsprechenden Einfluss auf die Energiekosten. Ein Plug and Play Tausch geht unserer Erfahrung nach nur bei modernen Häusern gut. Natürlich geht das auch bei Altbauten, dann aber nur, wenn man sorgfältig umrüstet und wichtige Komponenten nicht vergisst.

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