
Im Mittelpunkt des gestrigen Chillventa-Kongresses standen aktuelle Entwicklungen der Kälte-, Klima- und Wärmepumpentechnik. Dabei ging es beispielsweis um die aktive Kühlung gegen zunehmende Überhitzung von Gebäuden, die unsichere Zukunft des ETS 2, ein neues Ultra-Low-GWP-Kältemittel für Wärmepumpen sowie natürliche Kältemittel für nachhaltige Rechenzentren.
Am Tag vor der Messe gab es auf dem Chillventa-Kongress wieder Vorträge aus Forschung, Entwicklung und Praxis zu erleben. Diese Gelegenheit haben sich rund 300 Teilnehmer nicht nehmen lassen, standen doch fast 70 Programmpunkte auf der Agenda. Wobei die zu einem großen Teil nur zehnminütigen Vorträge eher Impulse für die weitere Informationsbeschaffung geboten haben, als fundierte Fachinformationen zu vermitteln.
Den Teilnehmern standen erneut vier Kongresszüge zur Auswahl:
- Innovationstag Kältetechnik
- Asercom und EPEE Symposium (englisch)
- Heat Pumping Technologies (englisch)
- Klimatisierung von Rechenzentren
Allerdings hat sich wie schon 2024 (siehe hier) gezeigt, dass die Themen der vier Kongresszüge kaum zu scharf zu trennen sind, sodass es immer wieder Querverbindungen und Überschneidungen gab.
Innovationstag Kältetechnik
Der „9. Innovationstag Kältetechnik“ fand mit fast 20 Programmpunkten noch unter den Eindrücken des Sommers 2026 mit vielen Hitzerekorden und dem wärmsten September seit Beginn der Wetteraufzeichnung statt. Dorian Höffner, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin, stellte daher gleich zu Beginn die Simulation von Hitzewellen als Evidenzgrundlage für die zielgenaue Förderung reversibler Wärmepumpen mit Kühlfunktion vor. Der Forscher erklärte: „Gebäudesimulationen zeigen, dass Überhitzung im Wohngebäudebstand heute schon weit verbreitet ist. Bis 2045 wird sie zum Normalzustand werden, wenn nicht geeignete Gegenmaßnahmen ergriffen werden“. Passive Maßnahmen genügen da nicht, es braucht aktive Kühlung, so der Forscher.
Asercom und EPEE Symposium
Auf dem gemeinsamen Symposium der europäischen Kälte-, Klima- und Wärmepumpenindustrieverbände Asercom und EPEE waren drei Podiumsdiskussionen die Hauptattraktionen im fast 20 Punkte umfassenden Programm. Den Rahmen skizzierte Russel Patten, Director General EPEE. Er fragte: „Ist Dekarbonisierung über Europa hinaus ein Thema?“ und meldete da Zweifel an. Dennoch stehe EPEE zum Green Deal der EU. Patten rief Industrie, politische Entscheidungsträger und alle Einwohner der Europäischen Union dazu auf, diesen Hand in Hand umzusetzen.
Eingeladen als Vertreter der Europäischen Kommission musste Policy Officer Philippe Rivière einräumen, dass das Europäische Emissionshandelssystem ETS 2 – ursprünglich für 2027 geplant, dann auf 2028 verschoben – nun aufgrund von Unsicherheiten in einigen Mitgliedsstaaten ganz infrage gestellt sei. Allen voran fällt einem hier der ungewisse Ausgang der Präsidentschaftswahlen in Frankreich im kommenden Frühjahr ein. Sollte dieses große und wichtige Mitgliedsland aus dem ETS 2 ausscheren, könnte das verheerende Auswirkungen auf die weitere Förderung zur Elektrifizierung der Kälte- und Wärmepumpentechnik haben. „Sehr ernüchternd“, war nach der Podiumsdiskussion das zum Auftritt von Rivière am meisten gehörte Fazit.
Dazu im Widerspruch stand das per Videobotschaft übermittelte Statement von Michael Bloss, Mitglied der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament, der sagte: „Wir müssen bei der Elektrifizierung weiter ambitioniert vorangehen.“ Europas Problem sei nicht, zu viel fürs Klima zu tun, sondern zu wenig.
Heat Pumping Technologies
Nicht ganz freiwillig ist die Wärmepumpenindustrie mit dem per F-Gase-Verordnung vorgeschriebenen Phase-down und vielen Verboten zum Einsatz von Hoch-GWP-Kältemitteln auf einem guten Weg. Organisiert vom Informationszentrum Wärmepumpen und Kältetechnik (IWZ) standen beim „Kleinen Heat Pump Summit“ mit seinen 15 Programmpunkten jedoch zunächst vor allem Vorträge über Großwärmepumpen und industrielle Anwendungen im Fokus. Erst am Nachmittag kamen gebäudetechnische Anwendungen zur Sprache – darunter der Vortrag von Felix Flohr, Regulatory Specialist Refrigerants bei Daikin, der mit R474B (GWP <1) als Mischung aus R1132E und R1234yf ein Ultra-Low-GWP-Kältemittel der Sicherheitsklasse A2L als Alternative zum A3-Kältemittel Propan (GWP 0,02) vorgestellt hat. Unter Drop-in-Bedingungen hat Daikin die Leistungsfähigkeit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe, die herstellerseits mit R454C befüllt war, beim Betrieb mit R474B verglichen. R454C ist ebenfalls ein A2L-Kältemittel, allerdings mit einem GWP von 146. Die Tests wurden mit beiden Kältemitteln ohne jegliche Änderungen an der Hardware durchgeführt. Ergebnis: Die gemessenen Leistungsdaten beim Einsatz von R474B entsprechen denen auf dem Typenschild der R454C-Anlagen, so Flohr. Im nächsten Schritt soll ein ähnlicher Vergleich bei einem Propan-Split-System folgen, kündigte Flohr an. Ziel sei, Herstellern und Anlagenbauern mehr Flexibilität zu bieten.
Klimatisierung von Rechenzentren
Als Halbtagesveranstaltung nur für den Nachmittag vom Deutschen Kälte- und Klimatechnischen Verein (DKV) organisiert, standen in diesem Kongresszug fast zehn Punkte auf dem Programm. Für das Umweltbundesamt (UBA) gaben die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter Daniel de Graaf und Marina Köhn einen Überblick über die Transformation von Rechenzentren von einer ressourcenintensiven Wirtschaft hin zu „echter Nachhaltigkeit“. Dabei sprach sich de Graaf eindeutig für den Einsatz natürlicher Kältemittel aus. Mit Toxizität (Ammoniak), Brennbarkeit (Kohlenwasserstoffe) und hohen Drücken (CO2) stehen den unzweifelhaften Umweltvorteilen beherrschbare Engineering-Probleme gegenüber, so der UBA-Wissenschaftler. Mit Blick auf ein mögliches PFAS-Verbot seien natürliche Kältemittel langfristig ohne Alternative. Der DKV-Vorsitzende Dr. Holger Neumann würdigte die Ausführungen der beiden UBA-Referenten als sehr wichtig, weil damit der Rahmen für die weiteren Vorträge gesetzt sei.
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