Psychische Belastungen in der Ausbildung werden noch immer viel zu selten offen angesprochen. Umso bemerkenswerter finde ich es, dass der Baden-Württembergische Handwerkstag diesem Thema jetzt eine eigene Tagung gewidmet hat. Denn auch die Fachkräftesicherung spielt hier eine wichtige Rolle.
Eine Pressemitteilung des Baden-Württembergischen Handwerkstags, Stuttgart, vom 19. Mai stimmte mich betroffen und am Ende doch optimistisch. Der Verband berichtete von einer Tagung in Stuttgart, die psychische Gesundheit von Auszubildenden und konkrete Hilfen in den Fokus rückte. Im Mittelpunkt standen konkrete Lösungsansätze für den Umgang mit psychischen Belastungen in der dualen Ausbildung – von Prävention und Resilienzförderung bis zur besseren Unterstützung von Betrieben und Begleitstrukturen.
Alleine die Tatsache, dass diesem wichtigen Thema eine eigene Veranstaltung gewidmet wird, finde ich zunächst großartig. Aber dann auch noch im ansonsten hemdsärmeligen Handwerk, in dessen Alltag vermutlich nicht ständig über solche Themen gesprochen wird. Noch besser. Die Veranstaltung hat ja einen wichtigen Grund, der über die reine Gesundheit als solche hinausgeht. Es handelt sich – wie so oft – um die Fachkräftesicherung. Und die ist gefährdet, wenn schon in der Ausbildung junge Menschen abbrechen, da psychische Probleme sie dazu bringen.
Meine Generation – die Generation X (die zwischen 1965 und 1980 Geborenen) – hat ihre Ausbildung oder ihr Studium, Praktika, Traineeprogramme oder ihren Arbeitseinstieg nach dem Motto „Da müssen wir durch! Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ durchgezogen. Ganz sicher auch mit viel unschönem Stoff, der sich auf die psychische Verfassung ausgewirkt hat. Ich kenne aber wenige Abbrecher aus meinem Umfeld. Eher solche, die nach einem Abschluss was Neues begonnen haben.
Die heutige Generation tickt aber offenbar anders: Sie bricht Ausbildungen häufiger ab. Seit 2015 unterstützt das vom Ministerium für Wirtschaft, Handwerk und Tourismus Baden-Württemberg geförderte Programm „Erfolgreich ausgebildet“ Auszubildende und Betriebe landesweit und branchenübergreifend in psychisch herausfordernden Situationen und trägt dazu bei, Ausbildungsabbrüche zu verhindern. Rund 80 % der begleiteten Jugendlichen konnten seit Beginn des Programms vor einem Abbruch bewahrt werden. Seit Projektstart wurden bis Ende 2025 insgesamt 930 Betriebe individuell unterstützt sowie 3.240 Informations- und Austauschveranstaltungen für Auszubildende, Betriebe und Eltern durchgeführt.
„Beim Fachkräftemangel werde oft über fehlende Köpfe und Hände gesprochen, viel zu selten aber über junge Menschen, die unter Druck geraten und Unterstützung brauchen“, sagt Rainer Reichhold, Präsident von Handwerk BW. „Wenn psychische Belastungen eine Ausbildung gefährden, ist das kein individuelles Randproblem – sondern eine Herausforderung für unseren gesamten Wirtschaftsstandort.“
Mich macht das Thema der psychischen Belastungen in der Ausbildung betroffen, weil darüber noch immer viel zu selten gesprochen wird. Allerdings auch in der Arbeitswelt. Auch da wird ja immer noch so getan, als seien wir Arbeitnehmer unendlich belastbar. Das ist aber ein anderer Themenbereich. Das Projekt „Erfolgreich ausgebildet“ stimmt mich optimistisch, weil es Auszubildende UND Arbeitgeber unterstützt. Ich wünsche mir sehr, dass ausbildende Betriebe Probleme rechtzeitig erkennen, ernst nehmen und das Programm nutzen.
Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema? Ich bin sehr gespannt.
Sabine Andresen
sabine.andresen@cci-dialog.de
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Hallo Frau Andresen, diese lobenswerte Initiative sowie Ihr Kommentar erzeugt sicher nicht nur bei mir Kopfnicken. Es bleibt abzuwarten, wer sich dazu bekennt. Das Thema ist für viele Tabu. Und wenn es doch mal diskutiert wird, läuft es oft auf die von Ihnen beschriebenen Beschwörungsmechanismen aus der Vergangenheit hinaus. Die Branche ist schließlich (nach wie vor) eine Welt der harten Jungs. Emotionen zeigen, Stress empfinden… Ja, aber dann doch lieber im stillen klimatisierten Kämmerlein. Ist auch ok, muss jeder selber wissen, niemand kann dazu gezwungen werden. Ein erfolgreicher Ausbildungsbetrieb, der die Herausforderung, gute Nachwuchskräfte zu finden und diese auch zu binden, meistert, kommt jedoch nicht drumherum, sich diesem Thema zu stellen und sich konstruktiv und offen damit auseinanderzusetzen. Die Zeiten haben sich nun mal geändert. Gut, wenn dieses Realitätsbewusstsein auch im Handwerk ankommt. Viele Grüße, Bernhard Schöner (auch Generation X)