
Eigentlich sollte man meinen, die größten Herausforderungen des Bauens seien technischer Natur. Wir planen komplexe Gebäude, erfüllen steigende Anforderungen an Brandschutz, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit und verfügen über digitale Werkzeuge, die vieles einfacher machen sollten. Doch ausgerechnet die Technik ist heute oft nicht mehr das eigentliche Problem.
Die größten Schwierigkeiten beim Bauen von anspruchsvollen Gebäuden entstehen zunehmend nicht bei der Technik selbst, sondern auf dem Weg dorthin. Dies ist meine Erfahrung als TGA-Fachplaner. Ich erlebe es häufig: Wer heute eine technische Frage stellt, erhält oft keine technische Antwort. Stattdessen beginnt eine Reise: Hersteller verweisen auf Zulassungen, Zulassungen auf Anwendungsgrenzen, Prüfer auf Nachweise und Nachweise auf weitere Bewertungen. Die technische Frage bleibt dabei häufig unverändert am Ausgangspunkt zurück. In der Praxis entstehen Interpretationsspielräume, deren Auflösung niemand eindeutig verantworten möchte. Haftung und Risiko verbleiben regelmäßig bei denen, die planen, koordinieren und ausführen. Oder vereinfacht gesagt: Die einen schreiben die Regeln, die anderen dürfen herausfinden, was damit gemeint gewesen sein könnte.
Besonders unterhaltsam wird es einige Jahre später vor Gericht, wo dann Anwälte, Richter und Sachverständige darüber diskutieren, welche technische Aussage ein Dokument möglicherweise enthalten haben könnte, das ursprünglich genau diese Frage eindeutig beantworten sollte und was damals Planer und Handwerker hätten alles anders machen können. Viele Planer, Sachverständige, Bauleiter und Ausführende erleben dieselbe Entwicklung: Der technische Aufwand steigt, die Nachweisführung wächst und gleichzeitig wandern Verantwortlichkeiten immer weiter nach unten – zu denen, die weder Regeln schreiben noch Zulassungen erteilen, aber am Ende haftbar gemacht werden.
Besonders deutlich zeigt sich dies beim Umgang mit Risiken. Im Bauwesen entsteht zunehmend der Eindruck, als müsse jedes Restrisiko durch weitere Nachweise, Gutachten und Auflagen verschwinden. Nicht selten werden beispielsweise Brandschutzkonzepte zu umfangreichen Sammlungen aus Textbausteinen, Zuständigkeiten, ungenauen Entrauchungsvorgaben wie pauschal angesetzten Luftwechselraten und und und. Antworten auf diese entscheidenden Fragen sah ich nie: Welches konkrete Risiko soll reduziert werden, wie stark wird es reduziert – und welches Restrisiko verbleibt?
Genau diese Transparenz sehe ich als die eigentliche integral zu erbringende Ingenieurleistung. Nutzer und Betreiber müssen wissen, welche Risiken verbleiben. Und über so etwas sollten sich zu allererst die Objektplaner klar werden.
Denn: die Illusion vollständiger Sicherheit selbst ist das Risiko. Weder das Leben noch technische Systeme sind risikofrei. Wie bei einer Leiter oder im Straßenverkehr lassen sich Gefahren nicht beseitigen, sondern nur auf ein vertretbares Maß begrenzen.
Die öffentliche Wahrnehmung von Normen, Nachweisen und Fachplanung sollte daher nicht der Wunsch absoluter Sicherheit sein, sondern die transparente Benennung und wirksame Begrenzung verbleibender Risiken. Dafür braucht es Fachleute und Institutionen, die Risiken offenlegen, fachlich einordnen und verständlich kommunizieren. Erst auf dieser Grundlage werden informierte Entscheidungen und echte Eigenverantwortung möglich.
Dirk Lind
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Sehr geehrter Herr Lind,
vielen Dank für Ihren Beitrag. Das, was Sie beschreiben, trifft aus meiner Sicht einen sehr wesentlichen Punkt, der weit über die klassische TGA-Planung hinausgeht. Sie sprechen etwas an, das mich ebenfalls seit vielen Jahren beschäftigt und das ich in unserer eigenen Nische, der gewerblichen Küchenlüftung und der industriellen Luftreinhaltung, nahezu eins zu eins wiedererkenne.
Besonders nachdenkenswert finde ich Ihre Beobachtung, dass die größten Schwierigkeiten beim Bauen anspruchsvoller Gebäude heute häufig nicht mehr in der Technik selbst liegen, sondern auf dem Weg dorthin. Eine technische Frage wird gestellt, aber statt einer klaren technischen Antwort beginnt eine Kette aus Verweisen: Hersteller verweisen auf Zulassungen, Zulassungen auf Anwendungsgrenzen, Prüfer auf Nachweise, Nachweise auf weitere Bewertungen und am Ende bleibt die ursprüngliche technische Fragestellung oft weiterhin unbeantwortet und wird kaum mal intensiv diskutiert und mit weiteren am Projekt involvierten Parteien abgestimmt. Genau diese Erfahrung machen wir in unserem Bereich ebenfalls immer wieder.
In der gewerblichen Küchenlüftung und der industriellen Luftreinhaltung geht es im Kern eigentlich um sehr konkrete Fragen: Welche Emissionen entstehen in einem Prozess? Welche Stoffe, Partikel, Aerosole, Fette, Gerüche oder sonstigen Belastungen müssen tatsächlich erfasst, abgeschieden, reduziert oder abgeführt werden? Welche Risiken ergeben sich daraus für Hygiene, Brandschutz, Arbeitsschutz, Umwelt, Betriebssicherheit und Anlageneffizienz? Und vor allem: Wie kann man diese Risiken technisch nachvollziehbar bewerten, messtechnisch erfassen und wirksam reduzieren?
Nach meiner Wahrnehmung stehen jedoch genau diese Kernfragen viel zu selten im Mittelpunkt. Stattdessen erleben wir auch in unserer Branche häufig eine wenig transparente Produkt- und Systemshow, sei es auf Branchenmessen wie der ISH, in sogenannten Fachtagungen oder in bestimmten normativen von Verbandsinteressen getriebenen Diskussionen. Es wird kaum mal das große Ganze betrachtet, also der reale Prozess, das tatsächliche Risiko und die konkrete technische Wirkung einer Lösung. Vielmehr werden oft sehr enge Ausschnitte herausgegriffen, bestimmte Produkte oder Verfahren in den Vordergrund gestellt und technische Diskussionen so geführt, dass sie am Ende vor allem einzelnen Markt- und Verbandsinteressen dienen.
Das halte ich für problematisch. Nicht, weil Produkte keine Rolle spielen sollen, selbstverständlich braucht es gute Produkte und funktionierende Systeme. Aber ein Produkt ist noch keine Risikobewertung. Ein Prospekt ersetzt keine Messung und Messtechnik. Eine Zulassung beantwortet nicht automatisch die Frage, ob eine Lösung im konkreten Anwendungsfall das relevante Risiko ausreichend reduziert. Und eine Norm oder VDI-Richtlinie kann nur dann wirklich hilfreich sein, wenn sie nicht zur Absicherung einzelner Interessen dient, sondern wirklich die technische Realität abbildet und Planern, Betreibern und Ausführenden nachvollziehbare Orientierung gibt.
Ihr Hinweis auf den Umgang mit Risiken ist deshalb aus meiner Sicht besonders wichtig. Im Bauwesen entsteht tatsächlich zunehmend der Eindruck, als müsse jedes Restrisiko durch weitere Nachweise, Gutachten, Textbausteine und Auflagen zum Verschwinden gebracht werden. Am Ende wächst die Papierlage, aber nicht zwingend das Verständnis. Genau das erleben wir auch in der Luftreinhaltung und Küchenlüftung. Es wird über Anforderungen, Systeme, Abscheidegrade, Filterklassen, Luftmengen, Brandschutz, Geruchsminderung oder Hygiene gesprochen, aber die entscheidenden Fragen werden viel zu selten sauber gestellt: Welches konkrete Risiko liegt im konkreten Fall vor? Wie groß ist dieses Risiko? Wie hoch ist die Luftbelastung? Wie hoch ist die Luftverschmutzung? Wodurch wird es verursacht? Wie kann es gemessen werden? Wie stark reduziert die gewählte technische Maßnahme dieses Risiko tatsächlich? Und welches Restrisiko verbleibt danach? Gibt es hierzu nach Inbetriebnahme Nachweise durch beispielsweise geeignete Messtechnik?
Aus meiner Sicht ist genau das der Punkt, an dem echte Ingenieurleistung beginnt. Es reicht nicht aus, technische Komponenten aneinanderzureihen oder sich auf pauschale Vorgaben zurückzuziehen. Gerade in Bereichen wie der gewerblichen Küchenlüftung oder industriellen Luftreinhaltung muss man den Prozess verstehen. Man muss wissen, welche Belastungen entstehen, wie sie sich im Luftstrom verhalten, welche Abscheidung und Luftreinigung realistisch möglich ist, welche messtechnischen Verfahren dafür geeignet sind und welche Grenzen die eingesetzte Technik hat. Erst dann kann man überhaupt seriös über Risiko, Wirksamkeit und Restrisiko sprechen.
Besonders kritisch wird es, wenn solche Fragen erst sehr spät gestellt werden, manchmal erst dann, wenn ein Problem bereits aufgetreten ist oder ein Verfahren vor Gericht gelandet ist. Dann werden, wie Sie notieren, Sachverständige hinzugezogen, die im Nachhinein beurteilen sollen, was Planer, Hersteller, Betreiber oder Ausführende hätten erkennen, vermeiden oder anders machen müssen. Auch hier stellt sich aus meiner Sicht eine unbequeme Frage: Sind die hinzugezogenen Sachverständigen immer wirklich in der Lage, das gesamte technische Bild zu erfassen? Verfügen sie über die notwendige Praxiserfahrung, die geeignete Messtechnik und das Prozessverständnis, um Risiken nicht nur formal, sondern technisch belastbar zu bewerten?
Gerade in unserer Branche ist das aus meiner Sicht ein wesentlicher Punkt. In der industriellen Luftreinhaltung und der gewerblichen Küchenlüftung gibt es sowohl auf Herstellerseite als auch auf Sachverständigenseite durchaus Akteure, die mit sehr begrenzter Messtechnik arbeiten oder sich stark auf theoretische Annahmen, Herstellerangaben oder vereinfachte Bewertungen stützen. Wenn aber Luftverunreinigungen, Partikelbelastungen, Aerosole, Fettfrachten, Gerüche oder prozessbedingte Emissionen nicht belastbar gemessen und eingeordnet werden, dann bleibt auch die Risikobewertung unscharf. Dann entstehen technische Aussagen, die zwar formal plausibel klingen, aber im konkreten Betrieb nicht zwingend ausreichend abgesichert sind.
Das ist für mich einer der zentralen Schwachpunkte: Wir sprechen in vielen Fällen über Sicherheit, Hygiene, Brandschutz, Umweltwirkung oder Betriebssicherheit, ohne die tatsächlichen Belastungen und Wirkmechanismen ausreichend transparent zu machen. Dadurch entsteht eine Scheinsicherheit. Man hat Dokumente, Nachweise, Verweise und Zuständigkeiten, aber nicht zwingend eine klare Antwort auf die Frage, ob das relevante Risiko im konkreten Fall wirklich erkannt, verstanden und reduziert wurde.
Deshalb stimme ich Ihnen ausdrücklich zu: Die Illusion vollständiger Sicherheit ist selbst ein Risiko. Technische Systeme sind nie risikofrei. Auch Lüftungsanlagen, Abscheidesysteme, Küchenabluftanlagen oder Luftreinigungssysteme können Risiken nicht einfach „wegzaubern“. Sie können Risiken nur erkennen, begrenzen, reduzieren und beherrschbar machen. Dafür braucht es aber Transparenz. Es muss offen benannt werden, was eine technische Lösung leisten kann, was sie nicht leisten kann und unter welchen Betriebsbedingungen ihre Wirksamkeit überhaupt gilt.
Das erfordert aus meiner Sicht auch mehr Ehrlichkeit auf Herstellerseite. Wir als Hersteller dürfen nicht nur fragen, wie wir ein Produkt möglichst gut darstellen und verkaufen. Wir müssen uns auch fragen, welche technischen Grenzen unsere Produkte haben, welche Messdaten belastbar sind, welche Anwendungen kritisch sind und wo weitere Untersuchungen notwendig werden. Ebenso müssen Verbände, Normungsgremien, Planer, Prüfer und Sachverständige bereit sein, stärker vom realen Risiko her zu denken und weniger von formalen Zuständigkeiten, pauschalen Anforderungen oder produktbezogenen Interessen.
Genau an diesem Punkt muss aus meiner Sicht intensiv weitergearbeitet werden. Wir brauchen weniger reine Produktpräsentation und mehr fachliche Auseinandersetzung mit Prozessen, Risiken, Messverfahren und tatsächlicher Wirksamkeit. Wir brauchen Veranstaltungen und Diskussionen, bei denen nicht nur gezeigt wird, welches Gerät angeblich welche Lösung bietet, sondern bei denen offen darüber gesprochen wird, wie Risiken entstehen, wie man sie messtechnisch erfasst, wie man technische Maßnahmen bewertet und wie man verbleibende Risiken verständlich kommuniziert.
Aus diesem Grund möchten wir als Hersteller im kommenden Jahr bewusst einen anderen Weg gehen. Statt uns an einer weiteren reinen Produktshow auf der ISH Messe in Frankfurt zu beteiligen, planen wir eine Fachtagung in Süddeutschland, bei der genau diese Themen im Mittelpunkt stehen sollen: Risiken in der gewerblichen Küchenlüftung und industriellen Luftreinhaltung transparent machen, geeignete Messtechnik vorstellen, Bewertungsmethoden diskutieren, technische Lösungen kritisch einordnen und vor allem die Frage beantworten, wie man den von Ihnen angesprochenen Anforderungen in der Praxis wirklich gerecht werden kann.
Denn am Ende sollte es nicht darum gehen, Verantwortung weiterzureichen oder sich hinter Dokumenten zu verstecken. Es sollte darum gehen, technische Sachverhalte verständlich, messbar und bewertbar zu machen. Nur so können Planer, Betreiber, Ausführende, Hersteller und Sachverständige gemeinsam zu belastbaren Entscheidungen kommen. Und nur so entsteht echte Verantwortung, nicht als nachträgliche Haftungszuweisung, sondern als bewusster, transparenter und fachlich begründeter Umgang mit Risiken.
Vielen Dank daher für Ihren Beitrag. Er bringt eine Entwicklung auf den Punkt, die aus meiner Sicht in vielen Bereichen der technischen Gebäudeausrüstung und des Anlagenbaus dringend offener diskutiert werden muss. Die Technik selbst ist oft nicht das eigentliche Problem. Das Problem entsteht dort, wo technische Fragen nicht mehr technisch beantwortet werden, sondern in Verweisen, Zuständigkeiten, Produktinteressen und Nachweisketten verschwinden. Genau hier müssen wir ansetzen.
Sven Rentschler
Geschäftsführer der REVEN GmbH