
In einem Gastkommentar kritisiert Dirk Lind, dass die größten Herausforderungen im Bauwesen heute weniger technischer als organisatorischer und rechtlicher Natur sind. Das hat die Leser von cci Branchenticker beschäftigt. Zudem hat es Antworten auf „Leser helfen Lesern“ zum Thema Außenluftansaugung gegeben. Nachfolgend die Leserkommentare zu Meldungen in cci Branchenticker.
In seinem „Gastkommentar: Wenn Verfahren wichtiger werden als Technik“ (siehe cci326496) vom 8. Juli hat sich Dirk Lind, Fachplaner TGA bei der Energieplanung Deutschland GmbH in Gotha, darüber ausgelassen, dass heutzutage die größten Herausforderungen im Bauwesen organisatorischer und rechtlicher Natur sind: Unklare Regelwerke, wachsende Nachweispflichten und verschobene Haftungsrisiken erschweren die Planung und Ausführung. Statt einer Illusion vollständiger Sicherheit fordert Lind mehr Transparenz über verbleibende Risiken, damit fundierte Entscheidungen und echte Eigenverantwortung möglich werden.
Hierzu schreibt Sven Rentschler: „Das, was Sie beschreiben, trifft aus meiner Sicht einen sehr wesentlichen Punkt, der weit über die klassische TGA-Planung hinausgeht. Sie sprechen etwas an, das mich ebenfalls seit vielen Jahren beschäftigt und das ich in unserer eigenen Nische, der gewerblichen Küchenlüftung und der industriellen Luftreinhaltung, nahezu eins zu eins wiedererkenne. Besonders nachdenkenswert finde ich Ihre Beobachtung, dass die größten Schwierigkeiten beim Bauen anspruchsvoller Gebäude heute häufig nicht mehr in der Technik selbst liegen, sondern auf dem Weg dorthin. Eine technische Frage wird gestellt, aber statt einer klaren technischen Antwort beginnt eine Kette aus Verweisen. Am Ende bleibt die ursprüngliche technische Fragestellung oft weiterhin unbeantwortet und wird kaum mal intensiv diskutiert und mit weiteren am Projekt involvierten Parteien abgestimmt. Genau diese Erfahrung machen wir in unserem Bereich ebenfalls immer wieder.
In der gewerblichen Küchenlüftung und der industriellen Luftreinhaltung geht es im Kern eigentlich um sehr konkrete Fragen: Welche Emissionen entstehen in einem Prozess? Welche Stoffe, Partikel, Aerosole, Fette, Gerüche oder sonstigen Belastungen müssen tatsächlich erfasst, abgeschieden, reduziert oder abgeführt werden? Welche Risiken ergeben sich daraus für Hygiene, Brandschutz, Arbeitsschutz, Umwelt, Betriebssicherheit und Anlageneffizienz? Und vor allem: Wie kann man diese Risiken technisch nachvollziehbar bewerten, messtechnisch erfassen und wirksam reduzieren?
Nach meiner Wahrnehmung stehen jedoch genau diese Kernfragen viel zu selten im Mittelpunkt. Stattdessen erleben wir auch in unserer Branche häufig eine wenig transparente Produkt- und Systemshow, sei es auf Branchenmessen wie der ISH, in sogenannten Fachtagungen oder in bestimmten normativen von Verbandsinteressen getriebenen Diskussionen. Es wird kaum mal das große Ganze betrachtet, also der reale Prozess, das tatsächliche Risiko und die konkrete technische Wirkung einer Lösung. Vielmehr werden oft sehr enge Ausschnitte herausgegriffen, bestimmte Produkte oder Verfahren in den Vordergrund gestellt und technische Diskussionen so geführt, dass sie am Ende vor allem einzelnen Markt- und Verbandsinteressen dienen. Das halte ich für problematisch. Nicht, weil Produkte keine Rolle spielen sollen. Aber ein Produkt ist noch keine Risikobewertung. Ein Prospekt ersetzt keine Messung und Messtechnik. Eine Zulassung beantwortet nicht automatisch die Frage, ob eine Lösung im konkreten Anwendungsfall das relevante Risiko ausreichend reduziert. Und eine Norm oder VDI-Richtlinie kann nur dann wirklich hilfreich sein, wenn sie nicht zur Absicherung einzelner Interessen dient, sondern wirklich die technische Realität abbildet und Planern, Betreibern und Ausführenden nachvollziehbare Orientierung gibt.
(…) Ich stimme Ihnen ausdrücklich zu: Die Illusion vollständiger Sicherheit ist selbst ein Risiko. Technische Systeme sind nie risikofrei. Auch Lüftungsanlagen, Abscheidesysteme, Küchenabluftanlagen oder Luftreinigungssysteme können Risiken nicht einfach ,wegzaubern‘. Sie können Risiken nur erkennen, begrenzen, reduzieren und beherrschbar machen. Dafür braucht es aber Transparenz. Es muss offen benannt werden, was eine technische Lösung leisten kann, was sie nicht leisten kann und unter welchen Betriebsbedingungen ihre Wirksamkeit überhaupt gilt. Das erfordert aus meiner Sicht auch mehr Ehrlichkeit auf Herstellerseite. (…)
Genau an diesem Punkt muss aus meiner Sicht intensiv weitergearbeitet werden. (…) Wir brauchen Veranstaltungen und Diskussionen, bei denen nicht nur gezeigt wird, welches Gerät angeblich welche Lösung bietet, sondern bei denen offen darüber gesprochen wird, wie Risiken entstehen, wie man sie messtechnisch erfasst, wie man technische Maßnahmen bewertet und wie man verbleibende Risiken verständlich kommuniziert.
Aus diesem Grund möchten wir als Hersteller im kommenden Jahr bewusst einen anderen Weg gehen. Statt uns an einer weiteren reinen Produktshow auf der ISH Messe in Frankfurt zu beteiligen, planen wir eine Fachtagung in Süddeutschland, bei der genau diese Themen im Mittelpunkt stehen sollen. (…)
Vielen Dank für Ihren Beitrag. Er bringt eine Entwicklung auf den Punkt, die aus meiner Sicht in vielen Bereichen der technischen Gebäudeausrüstung und des Anlagenbaus dringend offener diskutiert werden muss.“
Dirk Lind stimmt Rentschler zu und meint: „Sie bestätigt meine Wahrnehmung, dass wir es nicht mehr mit einem Einzelproblem der TGA, sondern mit einer strukturellen Entwicklung im gesamten Bauwesen zu tun haben. Bauen wird zunehmend teurer, langsamer und konfliktanfälliger. Gleichzeitig verlieren viele Regelwerke im Zuge der europäischen Harmonisierung an Klarheit. Wo früher konkrete technische Anforderungen standen, finden sich heute oft Schutzziele, Interpretationsspielräume und Abgrenzungsfragen. Die Folge: Technische Verantwortung wird immer häufiger durch Nachweise, Dokumentation und spätere Streitbeilegung ersetzt. Davon profitieren weder Bauherren noch Planer oder Ausführende.
Ich bin überzeugt: Es ist Zeit zu handeln. Wir brauchen Reformen, die das Bauen wieder sicher und einfach machen – durch klare, interpretationsarme Vorgaben, weniger Formalismus und mehr angewandten technischen Sachverstand. Mich würde interessieren, wie andere Hersteller, Planer, Betreiber, Prüfer und Sachverständige diese Entwicklung bewerten. Vielleicht ist die Zeit gekommen, die Stimmen zusammenzuführen und eine breitere fachliche Debatte anzustoßen.“
In der Meldung „Leser helfen Lesern: Außenluftansaugung zur Kellerlüftung über Lichtschacht“ (siehe cci326503) vom 8. Juli geht es um die Frage eines Planers, ob die Außenluftansaugung einer Kellerlüftung über einen offenen Lichtschacht den allgemein anerkannten Regeln der Technik entspricht oder stattdessen Ansaugtürme erforderlich sind. Hintergrund ist die Forderung des Bauherrn nach einem Nachweis der Normenkonformität der ursprünglich geplanten Lösung.
Daraufhin hat sich Hans-Martin Weber zu Wort gemeldet: „Die Frage nach Normenkonformität kann ich Ihnen nicht beantworten. Vielleicht hilft jedoch ein Praxis-Hinweis zu meinem vor circa 16 Jahren installiertem Lüftungsgerät von Alpha-Innotec in Kelleraufstellung. Eventuell kann hier Alpha-Innotec auf ihre damaligen Planungsgrundlagen und Normen verweisen.
Erfahrungen zur Installation: Die Zuluft wurde circa 2 m über dem Boden in einem in der Hauswand eingebrachten Luftkanal geführt. Vorwärmung der Luft + Vorfilterung (dringend zu empfehlen, mindestens halbjährliche, besser vierteljährliche Wartung des Vorfilters erforderlich). Die Abluft wurde kellerseitig in den Lichtschacht der Zuluft für die im Keller aufgestellte Luft-Wasser-Wärmepumpe ausgeführt.
Problematisch ist hierbei der bekannte Effekt einer sich vergrauenden Außenwand durch die aufsteigende warme und feuchte Abluft, wenn die Wärmepumpe nicht arbeitet.“
Und Reinhard Siegismund schreibt: „Außenluft für eine Lüftungsanlage durch einen Lichtschacht anzusaugen ist immer gewagt und muss mit dem Bauherrn vorher vereinbart werden. Nachströmende Außenluft für die Verbrennung im Wärmeerzeuger ist aber zu akzeptieren. Im Text zu dieser geplanten Lüftung ist kein Luftfilter erwähnt, aber in der Zeichnung enthalten. Da über den Boden und dann in den Lichtschacht oft Laub und im Garten auch Obst herabfällt und vergammelt ist der Ansaug über einen Lichtschacht nicht zu empfehlen, die Verantwortung, wenn so Keime planmäßig in alle Kellerräume gelangen, Keime werden bei normalen Grobfiltern nicht abgeschieden, ist die Verantwortung ein Malheur verursacht zu haben für den Planer groß. Der Ansaug sollte deshalb 3 m über dem Erdreich sein. – Erst wenn vereinbart wird, dass der Boden um den Lichtschacht herum immer frei und sauber gehalten wird, der Lichtschacht schon feinmaschig von Laub und anderem freigehalten wird haben wir, wenn es nicht anders ging in Absprache mit dem Bauherrn einen Ansaug aus einem Lichtschacht geplant. Natürlich mit Filtern.
Der Ansaug durch ein Wetterschutzgitter aus einem Lichtschacht hat eine dauerhaft höhere Ansauggeschwindigkeit, alles bei einer Fensterlüftung über ein offenes Fenster vom Keller in den Lichtschacht. Mit höherer Geschwindigkeit werden immer auch Laub und anderes erfasst, das Laub haftet am Gitter und von der Oberfläche der Blätter werden Ablagerungen angesaugt. – Natürlich ist die Nutzung der Kellerräume dabei zu bedenken. Bei der Belüftung eines Pelletlagers oder reinen Abstellraum sind die Ansprüche geringer. Aber schon das Trocknen von Wäsche erhöht die Anforderungen an die Sauberkeit der Luft.
Ich habe zu diesem Kommentar nicht die Normen und Regeln im Einzelnen durchgesehen und nur nach meinem Empfinden diese Situation beurteilt. Luftnachströmung aus Lichtschächten über schräggestellte Fensterchen ja, mit Ventilator für Räume, die von Menschen genutzt werden oder Wäsche für den Menschen getrocknet wird nur mit großer Vorsicht.“
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