28. Juli 2015 Autor: Rolf Grupp (Bearbeiter)

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cci Forum: Verpflichtung zur Wärmerückgewinnung laut EnEV

Wir klimatisieren Drogeriemärkte sofern möglich mit raumlufttechnischen Anlagen. Seit Erscheinen der EnEV sind wir zunächst daran gebunden, alle Lüftungsgeräte (Luftvolumenstrom über 1.500 m³/h) mit einer Wärmerückgewinnung auszustatten. Dies betrifft im Prinzip alle Geräte, die zum Einsatz kommen. Das Wärmerückgewinnungssystems führt, aufgrund des höheren Druckverluste (unabhängig vom System ca. 200 bis 300 Pa), meist zum Einsatz einer größeren Motorenstufe in der Ventilatoreinheit. Bei der Ausstattung der Drogeriemärkte arbeiten wir mit vergleichsweise hohen inneren Wärmelasten. Unser Primärziel ist es eher, die Wärme aus den Verkaufsräumen abzuführen, als diese durch eine WRG wieder zurückzuführen. Rein rechnerisch können wir belegen, dass uns der Einsatz einer WRG durch den erhöhten Druckverlust (Stromverbrauch) teurer kommt als die gewonnene Energiemenge, die durch die WRG einspart wird. Es gibt zudem eine Änderung der EnEV vom August 2008 (Drucksache 569/08, Seite 32 Punkt 2.1.2) in der es heißt, dass der Primärenergiebedarf einer Anlage zu bilanzieren ist.
Steht es uns als Bauherrn zu, sofern ein rechnerischer Nachweis erbracht wird, auf eine WRG in Lüftungsgeräten zu verzichten, wenn das Primärziel, die Anlagen so Energieeffizient als möglich zu machen, dadurch erreicht wird oder ist dies jeweils z.B. vom Bauamt oder durch einen anerkannten Sachverständigen genehmigen zu lassen?

Antworten der Leser

1.
Es ist keine direkte Beantwortung der Frage hinsichtlich der gesetzlichen Anforderungen gemäß EnEV, jedoch ist diese evtl. auch nicht erforderlich. Ich möchte zunächst, ohne Kenntnis des genauen Anlagenkonzepts, das Energiekonzept bzw. die Denkansätze wie folgt hinterfragen:
- Die Wärmerückgewinnung (WRG) ist auch im Sommer wirksam. Beispiel: bei 32 °C Außenluft und 26 °C Abluft sowie 80 % WRG-Grad kann die Zuluft durch die WRG um 4,8 K abgekühlt werden. Dies reduziert den Kälteenergiebedarf und muss somit in der Bilanzierung ebenfalls berücksichtigt werden.
- Sicherlich gibt es Betriebszustände, in denen eine WRG auch für den Winter energetisch sinnvoll ist.
- Falls im vorliegenden Anwendungsfall technisch denkbar, sind Rotations- bzw. Speicherplattenwärmeübertrager zu empfehlen. Diese weisen sehr gute WRG-Grade bei relativ geringen Druckverlusten auf. Kreislaufverbundsysteme (KVS) weisen vergleichsweise hohe Druckverluste auf. Allerdings können bei einem KVS die Lufterwärmung sowie die Luftkühlung über das KVS bewerkstelligt werden. Hierdurch entfallen Luft-Wasser-Register und die zugehörigen Druckverluste. Dieser Sachverhalt ist in der Bilanzierung ebenfalls zu berücksichtigen. Können keine regenerativen WRG-Systeme eingesetzt werden, sind Gegenstrom-Wärmeübertrager u. E. eine gute Wahl. Auf eine Lufterwärmung kann in Verbindung mit einer sehr guten WRG in vielen Fällen verzichtet werden.
- Generell ist eine Klimatisierung ausschließlich/größtenteils über Luft nicht energieeffizient. Wasserbasierende Systeme besitzen deutliche Vorteile bzgl. des Hilfsenergieaufwands (Umwälzpumpenstrom/Ventilatorstrom). Hinsichtlich energetischer Aspekte sollte lediglich die hygienisch notwendige Luftmenge über die RLT-Anlage bereitgestellt werden.

Dipl. Ing. Bernhard Tiltscher, Lemon Consult GmbH, Zürich, 15.11.2011


2.
Diese "Antwort" ist nicht wirklich eine Antwort zur Frage, aber deckt einige neue Fragen zu der Anlagenkonzeption auf. Die angeführten Druckverluste erscheinen mir wesentlich zu hoch - vielleicht viel zu kleine Querschnitte und damit zu hohe Luftgeschwindigkeiten? Wenn der Fragende noch weitere Details seiner Anlagen preisgibt, kann man sicher eine kostengünstige und vorschriftenkonforme Lösung mit WRG finden. Ich kenne viele Aufgabenstellungen, die zunächst nach Wärmeüberschuss aussehen und "eigentlich" nur Kühlung benötigten. Oft findet man nebenan einen Nutzer für die Wärme! Und die Wärmeeinbringung über Beleuchtung kann man heute mit modernen und energieeffizienten Leuchten erheblich senken.

Rüdiger Heß, Heß Armaturen Technik, Maintal, 15.11.2011


3.
Die Redaktion von cci Wissensportal hat nach einer Anregung durch einen Leser die Frage an die Projektgruppe EnEV der Bauministerkonferenz weitergeleitet. Im Folgenden die Antwort:
Anwendung von § 15 Absatz 5 auf einen Drogeriemarkt
Die Projektgruppe Energieeinsparverordnung der Bauministerkonferenz hat die gestellten Fragen in ihrer letzten Sitzung besprochen. Meiner Antwort möchte ich folgende Anmerkung vorausschicken: Ihre Fragen betreffen bestimmte Einzelfälle. Die Projektgruppe EnEV wurde eingerichtet, um Fragen der Auslegung der Energieeinsparverordnung übergreifend zu klären und – wenn erforderlich – Beschlüsse der Fachkommission Bautechnik herbeizuführen mit dem Ziel, zu einer einheitlichen Auslegung der Verordnung beizutragen. Gegebenenfalls erforderliche Ausnahme- und Befreiungsentscheidungen für Einzelfälle müssen grundsätzlich – unabhängig von einer Befassung der Projektgruppe – ohnehin durch die örtlich und sachlich zuständige Stelle (im Regelfall die Bauaufsichtsbehörde) getroffen werden.
Die Projektgruppe sah bei der Beratung Ihrer Anfrage derzeit keinen Anlass, hierzu eine Auslegung zu veröffentlichen.

Zu Ihren Fragen kann ich Ihnen Folgendes mitteilen:
Für ein Gebäude mit einem Einzelhandelsgeschäft (hier: Drogeriemarkt) ist im Falle der Errichtung – wie für alle anderen beheizten und gekühlten Nichtwohngebäude auch – auf Grund von § 4 Absätze 1 und 3 EnEV 2009 eine Berechnung durchzuführen, mit der gezeigt wird, dass der Jahres-Primärenergiebedarf dieses Gebäudes höchstens den Wert erreicht, den ein Referenzgebäude mit gleicher Geometrie, Nettogrundfläche, Ausrichtung und Nutzung aufweist. Die technische Ausführung dieses Referenzgebäudes muss Anlage 2 Tabelle 1 entsprechen. Als Berechnungsverfahren ist dazu DIN V 18599 verbindlich vorgegeben. Zusätzlich enthalten Anlage 2 Nummer 2.1.2 bis 2.1.6 Randbedingungen, Bagatell- und Öffnungsregelungen für die Anwendung dieses Verfahrens, Nummer 2.2 ergänzende Regelungen zur Zonierung der Gebäude. Eine dieser ergänzenden Regelungen (Nr. 2.1.3) enthält besondere Vorgaben für die Beleuchtung bei Einzelhandelsgeschäften; hier darf abweichend von der ansonsten gültigen Standardannahme für die Beleuchtung die tatsächlich installierte Beleuchtungsstärke, jedoch nicht mehr als 1500 lx (Einzelhandel Non-Food) bei den Berechnungen angesetzt werden. Diese besondere Regelung, die Hinweisen interessierter Kreise Rechnung tragen soll, korrespondiert jedoch nicht mit dem Ansatz für die internen Wärmequellen solcher Nutzungszonen; hier ist bei Berechnungen im Rahmen der EnEV auch bei erhöhtem Beleuchtungseinsatz vom Standardwert nach DIN V 18599-10 auszugehen. Somit kann die Wärmeabgabe der Beleuchtung eine der Ursachen dafür sein, dass im Einzelfall das Aufkommen an internen Wärmegewinnen bei Einzelhandelsgeschäften in der Realität höher ausfällt als beim rechnerischen Nachweis. Nach § 15 Absatz 5 EnEV 2009 müssen „beim Einbau von Klimaanlagen mit einer Nennleistung für den Kältebedarf von mehr als 12 kW und raumlufttechnischen Anlagen, die für einen Volumenstrom der Zuluft von wenigstens 4.000 m³/h ausgelegt sind, in Gebäude sowie bei der Erneuerung von Zentralgeräten" diese Anlagen „mit einer Einrichtung zur Wärmerückgewinnung ausgestattet sein, die mindestens der Klassifizierung H3 nach DIN EN 13053 entspricht. Für die Betriebsstundenzahl sind die Nutzungsrandbedingungen nach DIN V 18599-10 und für den Luftvolumenstrom der Außenluftvolumenstrom maßgebend." Ausweislich der Begründung der Bundesregierung wurde diese Vorschrift vor dem Hintergrund in die EnEV 2009 aufgenommen, dass die Ende 2007 erschienene Europäische Norm EN 13053 "den Sachverhalt in Abhängigkeit von den die Wirtschaftlichkeit bestimmenden Parametern 'jährliche Betriebszeit' und 'Volumenstrom' klassifiziert und damit zur Formulierung von Anforderungen in der EnEV gut geeignet ist." Der Verordnungsgeber ging dabei allerdings davon aus, dass die rückgewonnene Wärme im Gebäude nutzbar und damit die Investition in Einrichtungen zur Wärmerückgewinnung wirtschaftlich ist, wovon bei den standardisierten Randbedingungen auch regelmäßig auszugehen ist (siehe auch Begleitgutachten zur EnEV 2009, Seite 56 ff. (hier).

Weist im Einzelfall ein Gebäude – zum Beispiel auf Grund von erhöhtem Beleuchtungseinsatz, siehe oben – derart hohe interne Wärmegewinne auf, dass die rückgewonnene Wärme nicht oder nur zu geringem Anteil im Gebäude genutzt werden kann, und ist deshalb die Wirtschaftlichkeit in diesem Falle nicht gegeben, steht es dem Bauherrn frei, unter Verweis auf § 25 Absatz 1 bei der Landesrecht hierfür zuständigen Stelle (im allgemeinen der Bauaufsichtsbehörde) insoweit eine Befreiung zu beantragen.

Für technische Fragen zur Energieeinsparverordnung weise ich auf das "Info-Portal Energieeinsparung" meines Hauses (hier) einschließlich des dort vorgesehenen Kontaktformulars, die für Anfragen eingerichtete Adresse enev@bbr.bund.de sowie auf die telefonische Hotline +49 228 99401-2244 (montags bis donnerstags 10:00 - 11:30 Uhr und 13:00 – 15:00 Uhr, freitags 10:00 - 11:30 Uhr und 13:00 – 14:00 Uhr) hin.

Dipl.-Ing. Horst-P. Schettler-Köhler, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), Bonn, 17.01.2012

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Artikelnummer: cci38874
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