cci Forum: Coronavirus: Lüftungsanlage an oder aus?

cci Branchenticker fragte: Was sagen Sie ihren Kunden, wenn diese fragen, wie sie momentan ihre Lüftungsanlage betreiben sollten? Hier die Antworten.
Außerdem Stellungnahmen des Robert-Koch-Instituts und der Federation of European Heating, Ventilation and Air Conditioning Associations (REHVA) sowie weitere einordnende Antworten zum Thema.

1.
Lüftungsanlagen im trockenen Betrieb stellen keine Gefahr da. Klimatisierte Lüftungsanlagen mit Entfeuchtungen sind zu überdenken. Hier sollten die Filteranlagen überprüft werden, ob die Reinheit nach VDI 6022 erhalten bleibt. Fazit: Die Lüftungsanlagen können in Betrieb bleiben.

Olaf Mayer, Sanitär-Heizung-Klimatechnik, Hemsbach

2.
Wer mit Straßenbahn, Bus oder Regionalzug morgens und abends unterwegs ist, ist nach meiner Einschätzung sehr viel mehr gefährdet, als Zuschauer von Fussballspielen in freier Natur, wo man die Zuschauerzahl auf Stehplätzen um 40 % reduzieren könnte. Lüftungsanlagen in Kaufhäusern  oder Einkaufszentren mit ihrer aus Kostengründen reduzierten Luftwechselzahl sind ein idealer Ort der Verbreitung von Viren oder Bakterien. Ansaugbereiche und Außenluftfilter sind nach wie vor ein Schwachpunkt in Sachen Hygiene. Nachdem in Singapur aufgrund der SARS-Erfahrungen sofortige Gegenmaßnahmen in Sachen Corona eingeleitet wurden, ist Singapur das erste Land (aufgrund seiner frühen Abschottung und idealen Lage begünstigt), wo der Coronavirus sich nicht mehr ausbreitet und die getroffenen Maßnahmen greifen.

Detlef Hagenbruch, Köln

3.
Besonders für Betreiber von Lüftungsanlagen sollte es bessere Maßnahmen und Empfehlungen geben. Hierzu sollten gehören:

– Lüftungsanlagen mit Außenluftbetrieb, ohne Umluft
– Feuchte-/Wärme-Rückgewinnungen abschalten.

Die Witterungen lassen dies zu und es sollte nichts unversucht bleiben.

Gerhard  Timmann, Heinze-Stockfisch-Grabis + Partner GmbH, Hamburg

4.
Die Empfehlungen des RKI lauten eindeutig, dass sich Personen in gut belüfteten Räumen aufhalten sollen. Ein schlecht belüfteter Raum wird als ein eher risikogeneigter Ort bewertet. Auch andere staatliche Stellen empfehlen dies!
 
Dr. Christoph Kaup, Geschäftsführender Gesellschafter Howatherm Klimatechnik GmbH

5.
Aus den Erkenntnissen, die bisher bekannt sind, und auch aus dem Bauch heraus würde ich sagen: Wenn wir jetzt vorübergehend mit 100 % Frischluft fahren würden, sollte es doch besser sein als alle anderen Betriebszustände (RLT aus, Mischluft / Umluft)

Uwe Biermann, Ingenieurbüro Uwe Biermann, Dohna

6.
Umluft- und Feuchtigkeitsregulierung, das ist das Thema. Die Außenluftrate sehr hoch setzen, damit die Luft nicht umkippt. Das ist eine gute Empfehlung. Ich wünsche allen, dass sie gesund bleiben.

Olaf Mayer (SV), 20.03.2020

7.
Nach meiner Einschätzung sollte man differenzieren zwischen Anlagen mit und ohne Umluftfall. Bei RLT-Anlagen ohne Umluftfall (ohne Stoffaustausch zwischen Zuluft und Abluft) werden mikrobielle Belastungen in Räumlichkeiten durch den Abluftstrang entsorgt. Viruelle Agenzen haben in unbelebter Umgebung erstmal keine lange Überlebens- und Wirkungsdauer. Deshalb sollten solche Anlagen zwingend in Betrieb bleiben. Genauer betrachten sollte man ältere Geräte mit Umluftkammern und generell Umluftheiz- und kühlgeräte, Klimasplitgeräte. Hier ist zumindest ein zuverlässige Abluftfilterung Voraussetzung für einen sicheren Weiterbetrieb. Bitte um weitere Einschätzungen.

Jens-Haijo Heiken, 23.03.2020

8.
Das Robert-Koch-Institut (RKI) nimmt Stellung. Wir fragten: Sollen Lüftungsanlagen als Vorsorge gegen die Übertragung von COVID-19 („Coronaviren“) abgeschaltet werden? Das RKI antwortete: Da es sich bei COVID-19 um eine primär über Tröpfchen verbreitete Infektion handelt (und nicht primär über die Luft übertragene Infektion) ist nach jetzigem Kenntnisstand nicht davon auszugehen, dass eine Weiterverbreitung von SARS-CoV-2 über betriebene Lüftungsanlagen (zum Beispiel in öffentlichen Gebäuden, Hotels) erfolgt. hier

9.
Die Federation of European Heating, Ventilation and Air Conditioning Associations (REHVA) hat einige Empfehlungen gesammelt und in einem Leitfaden publiziert. Sie stellen unter anderem fest: „Derzeit gibt es noch keinen spezifischen Nachweis für eine Infektion mit der Coronakrankheit (COVID-19) über Belüftungssysteme. Es gibt auch keine Daten oder Studien, die diese Möglichkeit der Infektion über luftübertragene Coronaviren ausschließen.“ Die ausführlichen Empfehlungen finden Sie hier.

10.
In Ergänzung zu Ihrer Meldung und den Kommentaren:

Je größer der Tropfen, desto schlechter wird er über eine Distanz übertragen, also je größer der Tropfen, desto kleiner die Übertragungsdistanz. Allerdings ist die Keimbelastung umso größer, je größer der Tropfen ist.

Umgekehrt: Je kleiner der Tropfen, desto weiter kann er übertragen werden! Aber: Je kleiner der Tropfen, desto geringer die Dosis an infektiösen Keimen.

Je nach Größe der jeweiligen Sekrettröpfchen können Krankheitserreger über eine Distanz von einem Meter (Durchmesser des Tröpfchens > 5 µm) bis zu drei Metern und darüber (Durchmesser des Tröpfchens < 5 µm [Mikrometer]) übertragen werden. Je kleiner das Tröpfchen ist, desto länger kann es in der Luft schweben und sich auch über größere Distanzen verbreiten. Allerdings schlagen sich große Sekrettröpfchen vollständig auf der Schleimhaut der Atemwege nieder, während kleinere Partikel eher im Atemstrom flotieren. Es gibt natürlich auch Keime, die luftgetragen (Aerosol) über längere Strecken (> 3 m) infektiös sind  wie Masern, Windpocken, Tuberkulose etc.. Andere Keime sind nicht über weite Strecken infektiös. Das sind die Keime, die über eine „klassische“ Tröpfcheninfektion übertragen werden, wie Influenza, Pneumokokken, Mumps etc.. Offensichtlich benötigt man eine gewisse Virendosis, die mit größeren Tröpfchen einhergeht um sich mit Covid-19 zu infizieren. Jedenfalls ist eine Infektion über aerogene Übertagung laut dem Robert-Koch-Institut bisher nicht evident. Entscheidend ist wohl die Menge an Erregern. Wenn sich eine ausreichende Erregermenge auf der Schleimhaut des Wirts abgesetzt hat, ist die Grundlage für eine anschließende Invasion der Erreger gelegt. Mal abgesehen vom Abstand zu Infektionsquellen sind sicherlich auch die Expositionszeiten für das Risiko einer Infektion entscheidend. Letztlich ist sicherlich die Virenlast (Konzentration) entscheidend. Neben den physikalischen Grundlagen zur reinen physischen Übertragung scheinen aber auch die Stressparameter von großem Interesse, die das Virus entweder infektiös halten, beziehungsweise mit der Zeit abtöten. Also Temperatur, Feuchte, UV-Strahlung, etc.. Insoweit sind RLT-Anlagen mit Außenluftbetrieb sicher positiv zu bewerten, da sie die Virenlast durch Verdünnung reduzieren.

Was das Thema Induktion und Sekundärluft bei Mischluftsystemen angeht, teile ich die Bedenken nicht, denn größere Partikel setzen sich ab und kleiner Partikel werden zwar verteilt, aber gleichzeitig sinkt durch die zusätzliche „Verdünnung“ die Konzentration an Viren und damit die spezifische Virenlast weiter ab.

Selbst wenn die Übertragung durch Aerosole nicht ausgeschlossen werden kann, ist der Betrieb von RLT-Anlagen mit möglichst hohem Außenluftanteil positiv zu bewerten, da durch den Austausch der verbrauchten Raumluft eine Reduktion der Virenlast eintritt. Insoweit halte ich die Empfehlungen, die nicht nur von FGK, BTGA und RLT, sondern auch von Rehva und VDI herausgeben werden für richtig und sinnvoll. Allerdings kann eine RLT-Anlage natürlich nicht dafür sorgen, dass alle anderen Hygienemaßnahmen außer Kraft gesetzt werden können.

Dr. Christoph Kaup, Geschäftsführender Gesellschafter Howatherm Klimatechnik GmbH,  Brücken

11.
Zu der Aussage, dass Coronaviren eine Temperatur höher als die Körpertemperatur nicht vertragen, ist nach meinen Informationsquellen noch nicht nachgewiesen, weil die Person, die infiziert ist, Fieber
bekommt und die Viren dennoch vorhanden sein sollen und somit dadurch nicht sofort sterben.

Dr. Siegfried Schlott, Sachverständigenbüro SVB, Klingenthal

Anmerkung der Redaktion: Die Antwort von Siegfried Schlott bezieht sich auf eine Aussage von Prof. Martin Kriegel, Leiter Herman-Rietschel-Institut TU Berlin, bezüglich der Überlebensfähigkeit von Coronaviren bei hohen Raumtemperaturen.

12.
Kommentar zum „Betrieb Raumlufttechnischer Anlagen unter den Randbedingungen der aktuellen Covid-19-Pandemie“ vom Bundesindustrieverband Technische Gebäudeausrüstung e.V., Fachverband Gebäude-Klima e.V. und Herstellerverband Raumlufttechnische Geräte e.V.

Dort heißt es: A. „Eine Übertragung von Corona-Viren über Lüftungs-/Klimaanlagen kann nach aktuellem Kenntnisstand nahezu ausgeschlossen werden. Über die Außen- und Zuluftleitungen können auch aufgrund der Filtrierung keine Tröpfchen, die das Corona-Virus enthalten könnten, in die Räume eingetragen werden.“

Ähnlich äußert sich auch das RKI: B. „Da es sich bei COVID-19 um eine primär über Tröpfchen verbreitete Infektion handelt (und nicht primär über die Luft übertragene Infektion) ist nach jetzigem Kenntnisstand nicht davon auszugehen, dass eine Weiterverbreitung von SARS-CoV-2 über betriebene Lüftungsanlagen (zum Beispiel in öffentlichen Gebäuden, Hotels) erfolgt.“

Im gleichen Papier wird aber auch folgender Kommentar angeführt: “Kommentar Prof. Dr. med. Dipl.-Ing. Hans-Martin Seipp, Technische Hochschule Mittelhessen 17.3.2020 Auszug: C. „Als Quelle für Dritte können RLT-Anlagen nur dann wirken, wenn man: A) Umluft fährt OHNE HEPA-Filter (HEPAs sind ab H-13 völlig sicher!). Ab F-9 – je nach Beladungszustand – beginnt eine Minderung des Risikos.“

Auf den ersten Blick scheinen sich die Aussagen zu widersprechen. Beleuchtet man aber die Aussagen genauer, kommt man zu dem Schluss, dass alle drei ihre Berechtigung haben. Die Erläuterung im Einzelnen:

Zu A.: Dort werden Außen- und Zuluft gleichgesetzt, wie es heute in „modernen Klimaanlagen“ realisiert wird. Es wird nicht mehr mit Umluft gefahren. Daher fahren diese Geräte nur mit Außenluft. Eine Übertragung von Corona durch das RLT-Gerät sei damit ausgeschlossen.
Was ist aber mit der Wärmerückgewinnung? Leckluft beim Kreuzstromwärmeübertrager oder Oberflächen beim Rotationswärmeübertrager könnten ein Übertragungsweg sein. (Anmerkung der Red.: Daher auch die Empfehlung, diese Wärmeübertrager abzuschalten und auf Energieeffizienz zugunsten einer höheren Sicherheit zu verzichten). Und was ist mit der Anlage, zu der das RLT-Gerät gehört? Leitet es zum Beispiel die Außenluft in einen Aufenthaltsbereich, zum Beispiel in ein Büro? Die Absaugung der Abluft geschieht eventuell in Teilströmen, zum Beispiel im Flur oder Nebenräumen, sodass eine Strömung vom Graubereich Flur in das Büro ausgeschlossen ist. Die Viren, die vom Menschen freigesetzt sind, wandern aber mit der Luft vom Büro in den Flur. Damit haben wir eine Verbreitung über den Luftweg und als Ursache die RLT-Anlage, nicht das RLT-Gerät. (Anmerkung der Redaktion: Überströmöffnungen sind in der Tat kritisch zu sehen.)

Zu B.: Auch bei dieser Aussage sollte zwischen RLT-Gerät und RLT-Anlage unterschieden werden. Und was bedeutet das Wort „primär“. Primär ist sicherlich der Übertragungsweg Tröpfcheninfektion direkt. Aber primär bedeutet, dass es auch sekundäre Übertragungswege gibt. Bei anderen pathogenen Viren kennt man bereits eine Übertragung über lufttechnische Anlagen. Weiß man von dem COVID-19 so viel, dass man dies ausschließen kann? Oder schließt man es nur primär aus und lässt sekundär zu?

Zu C.: Umluft ohne HEPA-Filter ist eine Gefahr. Selbst F9 (Anmerkung der Redaktion: richtige Bezeichnung:  „ePM1 > 80 %“ – die Abscheideleistung im Bereich 0,3 µm ≤ x ≤ 1 µm beträgt 80 %) mindert das Risiko nur. Auf den ersten Blick ein Widerspruch zu A. Umluftanlagen werden heute nicht mehr gebaut (Anmerkung der Redaktion: Raumlufttechnische Anlagen in Museen oder Serverräumen fahren auch heute typischerweise mit einem Umluftanteil). Was aber ist mit den ganzen älteren Anlagen? Diese fahren häufig noch mit Umluft oder auch indirekt über die Raumluft, von einem Raum zum anderen. Dann gelten die Aussagen von C.

Hartmut Engler, oxytec GmbH, Hamburg

13.
Kontaminierte Luft zumindest mal verdünnen und hochkontaminierte Luft möglichst nicht unkontrolliert in unbelastete Bereiche strömen lassen, sind mal die Basics einer gut konzipierten Lüftungsanlage. So ein Konzept ist aber auch nur denkbar, wenn dem Planer der Lüftung die Details der späteren Nutzung vorab bekannt sind.

Neben der keimreduzierenden Wirkung allein durch Luftaustausch wären natürlich ergänzend auch noch andere keimreduzierende Mechanismen hochwillkommen. Manch wirksame Methoden wie Ozonierung kranken daran, dass nicht nur Keime, sondern auch anwesende Personen geschädigt werden. Das geht natürlich nicht. Insofern ist die Frage, ob die Lebensdauer in Luft supendierter Keime (vermutlich an feste oder flüssige luftgetragene Partikeln, also Staub oder Tröpfchen gebunden) signifikant von der Luftfeuchtigkeit abhängt. In der von Ihnen zitierten Veröffentlichung der REHVA gibt es hierzu in den FAQs die Aussage:

What is the recommended relative humidity level for workplaces?

Answer
In REHVA guidance document it is explained how relative humidity and temperature contribute to virus transmission indoors. It is known that SARS-CoV-2 has very high virus stability (viability) at 65% RH and typical indoor temperature of 21-23 °C. Therefore, humidification has no practical effect and is not recommended.

Insofern ist dem SARS-CoV-2- Virus nach derzeitigen Erkenntissen mit einer höheren Luftfeuchtigkeit doch nicht beizukommen. Dann bleibt nur noch die Beobachtung, dass zu große Trockenheit im Winter die Reinigungswirkung der Atemorgane beeinträchtigen kann: Relative humidity decreases as temperature rises so would reducing temperatures a little be a benefit?

Answer
This is good advice in winter time in cold climates. If the outbreak would happen in winter, then this would be useful, because nasal systems and mucous membranes are more sensitive to infections at very low RH of 10- 20 %. However, this is not the case in the spring time. 

Aus der Sicht des Arbeitsschutzes kann aus dem derzeitigen Wissenstand keine Empfehlung für eine generelle Untergrenze der Luftfeuchtigkeit in Arbeitsbereichen abgeleitet werden. Dabei spielen auch die Kosten, Durchführbarkeit und Sicherheit (Befeuchtung kann auch zu Keimwachstum führen) eine Rolle.

Peter Rietschel, Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe, Mannheim

Artikelnummer: cci85665

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